Hi Cleantechie!
Dieser Newsletter hilft dir, die wichtigsten Trends, Forschungsdurchbrßche und Geschäftsmodelle der Branche zu verstehen.
Das ist eine Sonderausgabe voller guter Links, handverlesen und selbst gelesen. Einen Schwerpunkt lege ich auf einen denkwĂźrdigen Text Ăźber einen Klima-Reset.
Let's go!
đ Verpasst nie wieder einen wichtigen Link: Zahlende Mitglieder haben Zugang zum kompletten Archiv aller Newsletter-Links seit Beginn. Plus regelmäĂige Deep Dives zu den wichtigsten Themen.
Die guten Links
Der Klima-Reset
Der britische Energieanalyst Michael Liebreich hat die Beratungsagentur New Energy Finance gegrßndet und später an Bloomberg verkauft. Inzwischen ist er einer der publizistisch einflussreichsten Energieanalysten und -berater des Westens.
Er ruft nach der Wahl von Donald Trump in einer zweiteiligen Serie zu einem Klima-Reset auf (Teil I und II):
Diejenigen, die eine saubere Energiezukunft aufbauen wollen, stehen vor einer Wahl. Sie kĂśnnen entweder an ihren alten Erzählungen festhalten, mit bestehenden Plänen weitermachen und hauptsächlich zu den bereits Ăberzeugten predigen. Oder sie kĂśnnen ihr Angebot erneuern. Sie kĂśnnen historische Ăbertreibungen zurĂźcknehmen, die berechtigten Anliegen der Wähler ansprechen und entschlossen auftreten.
FĂźr Liebreich ist die Energiewende ein Erfolgsmodell.
Zwar kĂśnne das 1,5-Grad-Ziel nicht gehalten werden, das 2-Grad-Ziel, aber schon. Es brauche keinen kompletten Neuanfang, wie ihn manche Kritiker fordern (z.B. der ehemalige britische Premierminister Tony Blair oder der US-Wissenschaftler Daniel Yergin).
Die Zahlen sprächen fßr sich. Liebreich nutzt ein Gedankenspiel, um das zu verdeutlichen:
Sollten Erneuerbare Energien mit 5% jährlich wachsen kÜnnen, was langsamer als bisher wäre, wßrden sie fossile Energien langfristig komplett verdrängen kÜnnen. Das ist mÜglich, weil sie Jahr fßr den zusätzlichen Bedarf der Menschheit decken und fossilen Erzeugern Marktanteil abnehmen kÜnnen.
Rechnerisch wäre es im Jahr 2065 so weit:

Ausgehend von dieser Annahme fordert Liebreich:
Wir mßssen neu kalibrieren. Weiterhin auf technologischer Reinheit und auf Politiken zu bestehen, die die Kosten in die HÜhe treiben, insbesondere fßr die Armen und Verwundbaren, ist kein tragfähiger Plan. Nicht mehr. Was wir brauchen, ist ein pragmatischer Klimaneustart.
Worin dieser pragmatische Klimaneustart bestehen sollen, listet Liebreich im zweiten Teil der Mini-Serie auf. Es ist der interessantere, weil provokantere Teil. So will er die âvernĂźnftige Mitteâ zurĂźckgewinnen:
Neuausrichtung der Klimapolitik:
Kommunikation ändern: Statt Menschen von oben herab zu behandeln, ihnen Schuldgefßhle zu machen oder mit unrealistischen Szenarien Angst zu machen, sollte die Klimabewegung auf Eigeninteresse, Fairness und Harmonie setzen
Prioritäten setzen: Anliegen wie hohe Energierechnungen sollten Vorrang vor symbolischen Gesten haben.
Neuausrichtung der Klimaziele:
1,5°C-Ziel aufgeben: Dieses Ziel sei nicht mehr erreichbar und fßhre zu schlechten politischen Entscheidungen.
Fokus auf 2°C: Die Konzentration sollte wieder auf dem 2°C-Ziel des Pariser Abkommens liegen.
Realistische Zeitpläne: Industrieländer sollten Netto-Null bis 2050 anstreben, China bis 2060 und Indien bis 2070, wobei ein "Netto-Null-ish"-Ansatz mit 5-10 % Abweichung und späteren Kurskorrekturen erlaubt sein sollte.
Neuausrichtung der Energieprioritäten:
Fokus auf das Machbare: Die Priorität sollte darauf liegen, die ersten 90 % der Wirtschaft so schnell und kostengßnstig wie mÜglich zu dekarbonisieren. Dies umfasst vor allem die Umstellung der Stromerzeugung und die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme.
Schwierige Sektoren zurßckstellen: Die Dekarbonisierung der letzten, schwierigsten Sektoren (z.B. Luft- und Schifffahrt) ist keine unmittelbare Priorität. Hier sollte auf schnelle und gßnstige Fortschritte mit bestehenden Technologien gesetzt werden, anstatt auf perfekte, aber ferne LÜsungen zu warten.
Neuausrichtung bei Wasserstoff:
Erwartungen anpassen: Es bestehe eine groĂe LĂźcke zwischen den physikalischen MĂśglichkeiten von Wasserstoff und den politischen Erwartungen. Die Darstellung als perfekte, aber undurchfĂźhrbare LĂśsung kĂśnnte die Energiewende verzĂśgern.
Neuausrichtung der Finanzierung:
Regulierung Ăźberdenken: Der Versuch, die Dekarbonisierung durch Finanzmarktregulierung und Zentralbankinterventionen voranzutreiben, sei gescheitert.
In dieser Liste verbergen sich mehrere unorthodoxe Punkte; ich greife mir drei heraus.
Je frßher wir das 1,5°C-Ziel mental hinter uns lassen, desto besser. Bereits als es 2015 formuliert wurde, war es extrem ambitioniert. Heute noch daran festzuhalten, wßrde zu so radikalen Politiken fßhren mßssen (Komplettabschaltung ganzer Industriezweige und Lebensbereiche), dass wir das Feld ernsthafter und durchfßhrbarer Politik verlassen wßrden. Heute daran festzuhalten, versperrt die Sicht auf das, was eigentlich mÜglich wäre.
Liebreich kritisiert, dass Menschen âvon oben herabâ behandelt worden wären, dass sie fĂźr politische Ziele zahlen mussten, die sie im Zweifel gar nicht teilen wĂźrden. Das ist im ganzen Text der schwächste Punkt. Denn ja, natĂźrlich lieĂe sich immer besser kommunizieren. So wäre die EinfĂźhrung der Wärmepumpe in Deutschland glatter gelaufen, hätte die Ampel zuvor die Wärmepumpe als Technologie breit vorgestellt. Aber irgendwann muss die Politik entscheiden, das wird zwangsläufig von oben herab geschehen mĂźssen. In anderen Politikteilen werden Menschen auch gezwungen, auf Basis demokratischer Prozesse, fĂźr politische Ziele zu zahlen, die sie nicht unterstĂźtzen. Warum sollte das ausgerechnet bei der Energiewende anders sein?
Was Liebreich weiter vorschlägt, ist ein Sakrileg. Ich nenne es mal âDurchwurstelnâ mit einem Technologie- und Politikmix, der die meisten Emissionen senkt, aber nicht alle. Liebrich gibt den Kampf fĂźr eine volle Dekarbonisierung aller Sektoren also vorerst verloren. Warum bleibt unklar im Text. Denn bisher gibt es keinen populären Aufschrei gegen die Dekarbonisierung der Schifffahrt oder Luftfahrt. AuĂerdem benachteiligt diese Art der Herangehensweise alle Industrien und Bereiche, die dekarbonisieren mĂźssen. Das mag technologisch vernĂźnftig sein, politisch ist es nicht gangbar, jedenfalls nicht zu Beginn. 100% Dekarbonisierung ist mehr als ein technologisches Ziel, es kommt einem Gesellschaftsvertrag gleich. In Dänemark gelangen ambitionierte Ziele fĂźr die Landwirtschaft nur, weil alle anderen Bereiche bereits selbst welche verfolgten.
Falls du den Text gelesen hast. Was hältst du von den Vorschlägen von Liebreich fßr einen Klimaneustart? Antworte mir gerne per Mail oder in den Kommentaren:
Weitere gute Links
đ Das ist ein gutes Intro, um Wellenkraftwerke besser zu verstehen. Zwar ist der Hauptteil hinter einer Paywall, aber davor liefert Jordan Taylor genĂźgend Nuggets, um den Text wertvoll zu machen.
đś ErnĂźchterndes Leseerlebnis, kann ich nicht lĂźgen: Sifted teilt EindrĂźcke von einer der wichtigsten Climate-Tech-Konferenzen. Viele VCs suchen jetzt nach âDual-Use-Anwendungenâ, die im Klimabereich funktionieren oder bspw. im RĂźstungsbereich.
⥠Mit britischem Windstrom die Kaffeemaschinen in New York antreiben? Noch eine Utopie. Aber immer mehr Projektierer planen interkontinentale Stromleitungen. Die FT gibt hier einen spannenden Einblick in diese Vorhaben.
â Präzise und Ăźberzeugend argumentiert: China nutzt seltene Erden fĂźr politischen Zwecke. Diese Strategie wird zum Boomerang werden. Denn erstens sind seltene Erden gar nicht so selten. China stellt nur 50% der bekannten Vorkommen. Und zweitens werden andere Stoffe diese Metalle ersetzen (Economist).
Die wichtigen News
đ Batterietechnologie
Neptune Energy will gigantisches Lithium-Vorkommen in Sachsen-Anhalt entdeckt haben (Focus)
EnBW nutzt E-Auto-Batterien als Speicher fĂźr Solar- und Windpark (ZfK)
Batterie aus natĂźrlichen Materialien kĂśnnte herkĂśmmliche Lithium-Ionen-Akkus ersetzen (Techxplore)
âď¸ Solarenergie
EU-Politikwechsel kann die Kostendifferenz zwischen europäischen und chinesischen Solarmodulen verringern (pv-magazine)
GroĂer Andrang bei Ausschreibung vom 1. August (Energie & Management)
BayWa r.e. nach dem Wechselbad: âWir greifen wieder anâ (Energie & Management)
đŹď¸ Windenergie
Ausschreibung Wind an Land: Die Preise rutschen weiter (Erneuerbare Energien)
Deutsche Windfirmen reichen vor SubventionskĂźrzung eilig Gebote bei Onshore-Ausschreibung ein (Bloomberg)
Unerwartete Kritiker von Trumps Angriffen auf Windenergie: Ălmanager (The New York Times)
đ§Ş Wasserstoff
Deutschland startet zweite FĂśrderrunde fĂźr Wasserstoffprojekte auĂerhalb Europas (Fuelcellsworks)
Blaue Bedrohung: Wird die Wasserstoffpolitik der EU grĂźn bleiben? (CleanTechnica)
⥠Netztechnologien
Netzentgelte auf Ăbertragungsebene sollen sich 2026 mehr als halbieren (Tagesspiegel Background)
Netzbetreiber bezweifeln Zusagen von Netzagentur-Chef MĂźller (Handelsblatt)
đ Mobilität
Bidirektionales Laden: FfE-Studie benennt Hebel fĂźr V2G-Markthochlauf (pv-magazine)
Wie der Autozulieferer Robert Bosch in die Krise rutschte (manager magazin)
đ˘ď¸ COâ-Abscheidung & Speicherung
Japanischer Konzern will in Schwedt Kohlendioxid fĂźr Biokraftstoff von Verbio nutzen (rbb24)
đ§ Andere Technologien
Germaniummangel sorgt fĂźr Entsetzen in der Industrie (Handelsblatt)
đ˝ď¸ Ernährung & Umwelt
Dänemarks Steuer auf Kuh-Rßlpser wird nur funktionieren, wenn den Landwirten geholfen wird (Bloomberg)
đ Markt & Politik
Bis zu vier Milliarden Euro fĂźr Industriestrompreis vorgesehen (Tagesspiegel Background)
Frankreich fordert Stahlschutz als Bedingung fĂźr EU-Emissionsziel (Bloomberg)
Das Scope-2-Protokoll ist kaputt (Heatmap)
Monitoring-Bericht: Erstaunliche Ăhnlichkeiten in Papieren von BMWK und RWE/Eon (Table.Media)
Jobs & Deals
đś ESG-Compliance: Sunhat, Berlin, âŹ8.5 Millionen in einer Series-A-Runde, angefĂźhrt von EnBW New Ventures.
đś Autonome ZĂźge: Futurail, StraĂburg/MĂźnchen, âŹ7.5 Millionen in einer Seed-Runde, angefĂźhrt von Peak and LocalGlobe. 4 offene Stellen.
đś Verbundwerkstoffe: Holy Technologies, Hamburg, âŹ4.3 Millionen. 3 offene Stellen.
đś Batterierecycling: cylib, Aachen, âŹ26.1 Millionen als Zuschuss zum Fabrikbau. 14 offene Stellen.
Der letzte Link
Proteste gegen neue Technologien? Gab es wirklich schon immer.
đ Wenn dir dieser Newsletter gefällt: Teile ihn mit Kollegen oder Freunden! Per Mail, auf LinkedIn oder Bluesky.
Vielen Dank fĂźrs Lesen! Eine Frage bleibt noch:
War dieser Newsletter deine Zeit wert?
đ Der Herbst ist da. Die Blätter fallen, aber die Reformen lassen noch auf sich warten. đ¤ˇ
