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Hi Cleantechie!

In den deutschen Heizungskellern gewinnt die Wärmepumpe inzwischen. Aber auch die Industrie setzt immer öfter auf sie – allerdings in völlig anderen Dimensionen als du und ich. Heute blicken wir auf industrielle Großwärmepumpen. Da gibt es einen Schwung guter Nachrichten.

Let’s go!

🍏 Daniel liest diesen Newsletter und ist Cleantech-Pro. Ich wollte von ihm wissen, warum er zahlt.

Er sagte: „Sobald ich etwas regelmäßig lese, bezahle ich dafür. Als der dritte Newsletter von dir kam, habe ich mich gefragt, wo ist denn hier der Abo-Knopf?“

Nun, für alle, die mitlesen: Hier ist der Abo-Knopf.

Wärmepumpen galten mal als politisch verbrannt. Jetzt baut die Industrie sie in 100-MW-Dimension.

tl;dr: In Mannheim, Köln, Hamburg, Hannover und Ludwigshafen entstehen für über €600 Millionen fünf neue Großwärmepumpen zwischen 30 und 165 MW. Die installierte Kapazität in Deutschland verdreifacht sich damit innerhalb von zwei Jahren. Gemessen am 4-Gigawatt-Jahresziel von Fraunhofer und Agora ist das aber nur ein Anfang.

Sechs Großprojekte, ein neues Tempo

  • Mannheim (165 MW): MVV und STRABAG errichten ab Mitte 2026 die laut Hersteller weltgrößte Flusswärmepumpe – mit Turbokompressoren von Atlas Copco. Geplante Inbetriebnahme Winter 2028, Investitionsvolumen rund €200 Millionen, gefördert aus dem BEW-Programm (Bundesförderung effiziente Wärmenetze).

  • Köln (150 MW): RheinEnergie und Everllence (vormals MAN Energy Solutions) unterzeichneten im März 2025 den Liefervertrag für drei Pumpen mit natürlichem Kältemittel à 50 MW. Die Anlage am Rhein soll 50.000 Haushalte versorgen. Investition €280 Millionen, geplante Inbetriebnahme 2027.

  • Hamburg (60 MW): Am Klärwerk Dradenau entsteht Deutschlands größte Abwasser-Wärmepumpe – vier Einheiten à 15 MW von Hamburg Wasser und den Hamburger Energiewerken. Soll bis zu 39.000 Haushalte versorgen, Investition rund €60 Millionen, Start 2026.

  • Hannover (30 MW): enercity hat im September 2025 am Klärwerk Herrenhausen Spatenstich gefeiert; die Montage läuft seit Frühjahr 2026. Die Anlage soll 130 GWh Fernwärme pro Jahr liefern, 13.000 Haushalte versorgen und das Kohlekraftwerk Stöcken ersetzen. Hersteller ist Friotherm aus der Schweiz. Investition €56 Millionen, davon €22,5 Millionen aus dem BEW-Programm bewilligt, plus NextGenerationEU-Mittel.

  • Ludwigshafen (50 MW): BASF baut die laut Anbieter weltgrößte Industrie-Wärmepumpe. Hersteller ist das österreichische Unternehmen GIG Karasek mit Kompressoren von Piller. Der 95-Tonnen-Verdampfer kam im April 2026 per Schiff aus Schwedt. Geplante Inbetriebnahme Mitte 2027. Der Bund fördert die Anlage mit bis zu €310 Millionen über einen Klimaschutzvertrag (CfD) – er gleicht damit über die Laufzeit die Differenz zwischen den höheren CO₂-Vermeidungskosten der Wärmepumpe und dem aktuellen ETS-Preis aus.

  • Stuttgart (24 MW): EnBW hat 2024/2025 in Stuttgart-Münster eine 24-MW-Anlage für 10.000 Haushalte in Betrieb genommen. Eine der ersten fertigen Großwärmepumpen über 20 MW in Deutschland.

In Deutschland zählte Fraunhofer IEG Ende 2023 nur etwa 60 MW Großwärmepumpen-Leistung am Netz. 2025 sind es rund 180 MW. In Planung und Bau befinden sich aktuell 71 Projekte mit zusammen rund 900 MW.

Warum das wichtig ist

Drei Viertel der deutschen Heizenergie kommen heute aus fossilen Brennstoffen. Im Wärmesektor beherrschten die Heizungen in Privathaushalten die Diskussion. Aber Wärme ist ein wichtiger Input für zahllose Industrieprozesse.

Schon heute können Wärmepumpen einen großen Teil dieser Wärme liefern, bis in Bereiche hinein, die lange Zeit als unerreichbar galten. Industrielle Großanlagen schaffen heute kommerziell bis 165 Grad Celsius, einzelne Modelle bis 200 Grad. Für den Bereich darüber – 300 bis 500 Grad – gibt es erste Forschungsprototypen mit Marktpotenzial in den 2030er-Jahren.

Die Technologie ist nun dort, wo sie sein muss.

Uwe Lauber, Vorstandschef von Everllence (vormals MAN Energy Solutions), nennt den deutschen Wärmemarkt einen „schlafenden Riesen“. Lauber sagt das nicht uneigennützig – Everllence verdient an genau diesen Pumpen.

Aber selbst seine optimistische Lesart unterschätzt die Lücke eher. Bis 2045 müsste Deutschland nach Berechnungen von Fraunhofer IEG und Agora rund 90 Gigawatt Großwärmepumpen-Leistung installieren – das 500-fache des heutigen Bestands von 180 MW, oder 4 Gigawatt pro Jahr. Alle aktuell georderten Großwärmepumpen reichten so gerechnet für maximal drei Monate. Deutschland ist deutlich unter Soll.

Das Geschäftsmodell für die großen Wärmepumpen trägt, wo zwei Hebel zusammenkommen. Stadtwerke wollen ihre Fernwärmenetze dekarbonisieren wie in Köln, Hamburg, Hannover oder Mannheim.

Und Industrieunternehmen entdecken Abwärme als kostenlosen Rohstoff: Für die BASF hebt eine Wärmepumpe die Temperatur auf Prozessdampfniveau und ersetzt Erdgas. Pro Jahr sollen so 500 000 Tonnen CO₂-armer Dampf für die Ameisensäure-Produktion entstehen, bei einer CO₂-Einsparung von 100.000 Tonnen.

Woran die ganz große Großwärmepumpen-Wende noch scheitert

  • Strompreis-Asymmetrie. Auf den Strompreis entfallen rund 27 Prozent staatliche Abgaben, auf den Gaspreis nur 15 Prozent. Der Bundesverband Wärmepumpe fordert ein Strom-Gas-Kostenverhältnis von 2:1 als Minimum für Wirtschaftlichkeit – im ersten Halbjahr 2024 lag es bei 3,46:1.

  • Förderprogramme schrumpfen. Das BEW-Programm hat zum 1. April 2026 die Förderung von Transformationsplänen eingestellt. Eine Studie in Nature Climate Change beziffert den EU-weiten Subventionsbedarf für Wärmepumpen auf €13 Milliarden pro Jahr – Deutschlands Programm geht in die Gegenrichtung.

  • Die EU zieht den Stecker. Die Kommission hat im Oktober 2025 ihren Wärmepumpen-Aktionsplan offiziell beerdigt – trotz Protest von 15 Mitgliedstaaten. Ersatz ist eine unverbindliche Plattform zum Erfahrungsaustausch („Heat Pump Accelerator Platform“).

  • Politische Regression. Die Bundesregierung unter Friedrich Merz hat im Februar 2026 Eckpunkte zur GEG-Abschaffung beschlossen. Die kommunale Wärmeplanung – das Gegenstück zur privaten Wärmewende und Voraussetzung für viele Großwärmepumpen-Projekte – war im Sommer 2025 nur in 47 Prozent der Kommunen begonnen, fertig in 4,5 Prozent.

🍏 Was ich denke

Die Wärmewende ist dem Heizungsgesetz entkommen.

Gerade kam die Meldung, dass die Deutschen 2025 deutlich mehr Wärmepumpen als Gasboiler gekauft haben. Nun ziehen auch Industrie, Kommunen und Stadtwerke nach.

Dass die Politik gerade Förderprogramme abräumt, könnte sich als historischer Fehler erweisen – nicht nur aus Klimaschutz-Sicht. Denn die Großwärmepumpen kommen anders als etwa Solar-Module fast komplett aus dem mitteleuropäischen Industriegürtel – Everllence aus Berlin und Oberhausen, GIG Karasek aus Österreich, Friotherm aus der Schweiz.

Das ist ein starkes Industriecluster, das genau jetzt skalieren sollte, damit es in ein paar Jahren das wird, was deutsche Autokonzerne nicht mehr sind: Markt- und Technologieführer.

Der Chef von Everllence hat recht, wenn er den industriellen Wärmebereich einen schlafenden Riesen nennt. Aus Privatsicht mögen die Dimensionen gigantisch sein, aber eine mittelgroße deutsche Stadt wie Hannover oder Mannheim wird drei bis vier solcher Wärmepumpen brauchen.

Im schlimmsten Fall werden die dann in zehn Jahren, wenn Klimaschutz wieder „en vogue“ ist, aus China angeliefert.

So kann es, so muss es aber nicht kommen. Diese ersten großen Wärmepumpen können Warnung oder Leuchtturm sein.

Eines aber ist auffällig: Die größten Wärmepumpen Deutschlands stehen an Klärwerken und an Steamcrackern – nur nicht mitten im Zentrum der politischen Heizungsdebatte. Dort gehören sie aber hin.

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Die guten Links

🌊 Electron Economics hat die Börsenunterlagen des US-Geothermiestartups Fervo genauer studiert. Schlagzeilen machte das Startup mit seinem milliardenschweren Auftragsbacklog, unter anderem von Google (3 GW Umfang!). Das 3-GW-Framework ist aber nicht bindend, Google schuldet keinen Cent. Bindend sind nur 658 MW an Power Purchase Agreements (PPAs). Das eigentliche Asset von Fervo scheint zu sein: rund 241 000 Hektar Geothermie-Land, 2019–2021 für wenig eingesammelt – vor dem KI- und Rechenzentrumshype. Solange Fervo keine Kraftwerke entwickelt, ist es eher Grundstückshändler als Stromerzeuger – aus Börsensicht.

🤖 Faktor 10. Die britische Regierung hat ihre Schätzung der KI-Rechenzentren-Emissionen still und leise um zwei Größenordnungen nach oben korrigiert: von maximal 0,142 MtCO₂ pro Jahr auf bis zu 123 MtCO₂ über zehn Jahre. Foxglove und Carbon Brief hatten die alte Zahl als „Unsinn“ entlarvt – der Guardian berichtet jetzt darüber. Ungebremst könnte KI Großbritanniens Stromverbrauch verdoppeln.

🚗 Müllautos! Ja, Müllautos sind die perfekten Kandidaten für Schwerlast-Elektrifizierung, schreibt CleanTechnica. Denn so viel Stop-and-Go erzeugt ordentlich Rekuperation. Gleichzeitig haben sie feste Routen und eine Basis, zu der sie planmäßig zurückkehren.

♻️ Eines der größten Bodensanierungsprojekte Deutschlands kommt von einem Autobauer: Audi reinigt 600 000 Tonnen belasteten Raffinerie-Boden in Ingolstadt vor Ort, zerstört PFAS und Kohlenwasserstoffe bei über 1000 Grad und führt 90 Prozent zur Wiederverwendung. Capital erklärt das Verfahren.

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Das machen die Startups

  • Ari Motors plant autonome Lieferfahrzeuge und Börsengang von Joint Venture (Electrive)

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Fundings & Exits

💶 Solar / Mieterstrom: VREY, Berlin, €3,3 Millionen Seed-Runde, angeführt von Rubio Impact Ventures (mit HTGF und Kopa Ventures). Offene Stellen.

💶 Industriewärme: Exergy3, Edinburgh-Spin-off mit Markteintritt in München, $13,5 Millionen Funding-Runde, angeführt von Axeleo Capital (mit Bayern Kapital). 2 offene Stellen.

💶 Methan-Abatement: Daphne Technology, Schweiz, CHF 15 Millionen zur Beschleunigung des US-Vertriebs, angeführt von Taranis mit Shell Ventures und Trafigura. Keine offenen Stellen.

💶 Solar / Vertikal-PV: LightSeeds, Neuchâtel, CHF 150.000 Grant von Venture Kick für Vertikal-PV-Rollout. Keine offenen Stellen verlinkt.

Der letzte Link

Beim Namen dieses Solarprojekts sind alle Wortspiele so naheliegend, dass ich auf sie verzichte. Daher nur: der Link.

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👋 Wer schon länger dabei ist, weiß, dass ich einen Garten habe. Und ich sage es mal so: Zwei Tage mit Grabespaten in der Hand und Sonne auf dem Rücken, ist im KI-Zeitalter fast schon gebührenpflichtige Abwechslung.

Rico Grimm

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