Hi Cleantechie!

Microsoft pausiert alle seine Käufe von CO₂. Das ist eine große Nachricht. Warum zeige ich dir diese Woche.

Und für den Letzten Link habe ich heute etwas ganz Besonderes gefunden. 🐫

Let’s go!

🍏 Daniel liest diesen Newsletter und ist Cleantech Pro. Ich wollte von ihm wissen, warum er zahlt.

Er sagte: „Sobald ich etwas regelmäßig lese, bezahle ich dafür. Als der dritte Newsletter von dir kam, habe ich mich gefragt, wo ist denn hier der Abo-Knopf?“

Nun, für alle, die mitlesen: Hier ist der Abo-Knopf. 😉 👇️

Microsoft pausiert seine CO₂‑Käufe. Die Branche, die es damit fast im Alleingang finanziert hat, geht in einen tiefen Bärenmarkt.

tl;dr: Microsoft hat alle neuen Käufe von CO₂-Entnahme gestoppt. Das Unternehmen war 2025 für rund 90 Prozent aller weltweiten Käufe verantwortlich. Das Problem: Microsoft hat nicht einfach Zertifikate gekauft, sondern Anlagen vorfinanziert, die erst in Jahren CO₂ aus der Atmosphäre holen sollten. Von 36,4 Millionen kontrahierten Tonnen wurden bislang 91.000 tatsächlich geliefert. Die Pause kappt die Finanzierungspipeline für eine Branche, die laut Weltklimarat (IPCC) unverzichtbar ist.

Was passiert ist

  • Microsoft hat Zulieferern und Partnern mitgeteilt, dass es alle neuen Carbon-Removal-Käufe pausiert. Kein Datum für eine Wiederaufnahme. Eine Sprecherin dementierte eine „unbefristete Pause“, blieb aber vage.

  • Microsoft war 2025 für rund 90 Prozent aller weltweiten Käufe von CO₂-Entnahme verantwortlich. Der zweitgrößte Käufer, die Frontier-Koalition (Stripe, Google, Meta), kommt auf 1,8 Millionen Tonnen – über seine gesamte Laufzeit.

  • Noch drei Tage vor der Meldung kaufte Microsoft 626.000 Tonnen von einem BECCS-Projekt in Saskatchewan.

Warum CO₂-Entnahme in jedem Klimamodell steckt

Wer die Tragweite dieser Nachricht verstehen will, muss einen Schritt zurücktreten. CO₂-Entnahme – Carbon Dioxide Removal oder CDR – ist kein Nischenthema. Es ist ein tragendes Element der globalen Klimastrategie.

Selbst wenn die Welt morgen aufhören würde, neue fossile Kraftwerke zu bauen, blieben Restemissionen aus Zement, Landwirtschaft, Flugverkehr und Chemie. Diese Sektoren lassen sich nicht vollständig dekarbonisieren. Die Klimamodelle des IPCC setzen deshalb voraus, dass wir CO₂ aktiv aus der Atmosphäre zurückholen. Alle 97 untersuchten 1,5-Grad-Pfade im jüngsten Sachstandsbericht enthalten CO₂-Entnahme, kein einziger kommt ohne aus. Bis 2050: 7 bis 9 Milliarden Tonnen pro Jahr. Heute liefert der gesamte Markt für technische Entnahme 1,3 Millionen Tonnen.

Vier Wege, CO₂ aus der Luft zu holen – kurze Orientierung

Technische Verfahren:

  • Direct Air Capture (DAC): Maschinen saugen CO₂ mit chemischen Filtern aus der Luft und lagern es unterirdisch ein. Climeworks betreibt auf Island die größte Anlage.

  • BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage): Fängt CO₂ bei der Verbrennung von Biomasse ab, statt es in die Atmosphäre zu lassen. Macht über 80 Prozent von Microsofts CDR-Portfolio aus.

Biologische Verfahren:

  • Pflanzenkohle (Biochar): Bindet Kohlenstoff in stabiler Form. Günstig, schnell skalierbar – 82 Prozent der tatsächlich an Microsoft gelieferten Tonnen.

  • Enhanced Rock Weathering: Basaltmehl auf Äckern bindet CO₂ aus Regen und Luft. Das Münchner Startup InPlanet hat dafür einen Vertrag mit Microsoft.

Was Microsoft wirklich gemacht hat

Microsoft hat sich 2020 das Ziel gesetzt, bis 2030 CO₂-negativ zu werden. Aber „kaufen“ ist das falsche Wort für das, was folgte. Microsoft finanzierte die Zukunft vor. Die Verträge sind Abnahmegarantien für Anlagen, die großteils erst entstehen müssen.

  • Der größte Deal: 800 Millionen Dollar an AtmosClear für eine BECCS-Anlage in Louisiana, geplanter Baubeginn 2026.

  • In Dänemark 3,67 Millionen Tonnen bei Ørsted, in Schweden 3,3 Millionen bei Stockholm Exergi, in Norwegen 1,1 Millionen bei Hafslund Celsio.

  • In der Schweiz Deals mit Climeworks (DAC) und Neustark (CO₂ in Abbruchbeton).

Die CDR.fyi-Daten zeigen das Ergebnis: 36,4 Millionen Tonnen kontrahiert, 91.000 geliefert – ein Viertel Prozent. Microsoft fungierte de facto als Risikokapitalgeber, verkleidet als Käufer. Es hat sogar Qualitätsstandards gesetzt, die als Industrienorm gelten. Die Pause kappt deshalb nicht laufende Entnahme, sondern die Finanzierungspipeline.

Zum Vergleich: Die Frontier-Koalition (Stripe, Google, Meta) erreicht 1,8 Millionen Tonnen über ihre gesamte Laufzeit. Deutschlands staatliches CDR-Budget beträgt 11,5 Millionen Euro – das entspricht rund 115.000 Tonnen.

Ein Lichtblick: Die Käufe jenseits von Microsoft wachsen jährlich um rund 70 Prozent. 2025 kontrahierten sie 3,2 Millionen Tonnen. Der Großteil der tatsächlich gelieferten Entnahme ging an andere Käufer.

🍏 Was ich denke

Microsoft war die Lebensversicherung des CO₂-Marktes, den Skandale immer wieder erschütterten. Die US-Amerikaner nahmen das Risiko auf sich, Geld in ungeprüfte Technologien zu stecken, deren Produkt vielleicht niemals einen Käufer findet.

Denn Microsofts Rückzug macht nun überdeutlich, was die Insider schon vorher wussten. Wenn 90% der Nachfrage von nur einer Firma kommen, ist es kein Markt, sondern Philanthropie.

Wirklich allen muss nun auch klar sein, dass die Klimaziele, so wie sie die UN definiert hat, nun eigentlich nicht mehr zu erreichen sind. CO₂-Entnahme ist Pflicht und der Rückzug Microsofts wird viele Startups hart treffen. Denn auf die Politik braucht niemand hoffen. Die Budgets sind eng, und die US-Regierung hat gerade Geld, das eigentlich für die CO₂‑Entnahme gedacht war, in Kohlekraftwerke gesteckt.

Firmen, die die kommenden Jahre überleben wollen, müssen sich ehrlich fragen, was genau ihr Produkt ist. Ist es ein industrieller Rohstoff? Ist es eine Art Müllabfuhr? Verkaufen sie eine „gute Sache“, also im Kern Philanthropie?

👉 Steige tiefer ein

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👋 Vor zwei Wochen hatte ich an dieser Stelle gefrotzelt: Letztes Jahr noch hyperventilierten die üblichen Verdächtigen und warnten vor einem Brownout zu Ostern wegen der PV. Dieses Jahr nur Stille. Nun. Ostersonntag, 16.52 Uhr in einer kleinen Gemeinde in Deutschland: Blackout, und ich mitten drin. Karma😉

Rico Grimm

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