Hi Cleantechie!
Die Recherche für diese Ausgabe begann mit einem “Huh?” Das Geräusch machte ich, als ich zum ersten Mal von der Forschung eines deutsch-japanischen Teams zu Solartechnik neuen Typs las.
Eine Bitte: Bald will ich mir Natrium-Ionen-Akkus genauer anschauen. Du kannst mir helfen, indem du mir in dieser Umfrage deine Frage dazu stellst. Das hilft mir, die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Danke!
Nun aber: Let’s go!
👋 Neu dabei? Abonniere den Newsletter hier!
🍏 Daniel liest diesen Newsletter und ist Cleantech Pro. Ich wollte von ihm wissen, warum er zahlt.
Er sagte: „Sobald ich etwas regelmäßig lese, bezahle ich dafür. Als der dritte Newsletter von dir kam, habe ich mich gefragt, wo ist denn hier der Abo-Knopf?“
Nun, für alle, die mitlesen: Hier ist der Abo-Knopf. 😉 👇️
Die Solarzelle hat ein Geheimnis: Sie wird gerade besser, und nur die wenigsten bekommen es mit.
tl;dr: Während die Solar-Industrie von Insolvenzen, Förderkürzungen und Handelskriegen dominiert wird, veröffentlichten Forschungsteams bedeutende Durchbrüche. Darunter: eine Dreifachzelle mit über 30 Prozent Wirkungsgrad und eine Technik, die ein fundamentales Physik-Limit der Solarzelle durchbricht.
Echte Durchbrüche in den Laboren...
An der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Kyushu University in Japan gelang ein konzeptioneller Durchbruch: Einem Forscherteam gelang es, mehr Energie aus dem Sonnenlicht auch tatsächlich aufzufangen. Ein Molybdän-basierter Komplex erreichte eine Quantenausbeute von 132 Prozent. Vorsicht: Das bedeutet nicht 132 Prozent Wirkungsgrad, sondern, dass pro absorbiertem Photon 1,3 Ladungsträger entstehen. Normal wäre einer. Die Technik dahinter heißt Singlet-Fission und durchbricht damit das sogenannte Shockley-Queisser-Limit, die theoretische Obergrenze konventioneller Solarzellen bei 33,7 Prozent. Es ist ein Proof-of-Concept in einer Lösung, keine fertige Zelle.
Forscherinnen und Forscher der EPFL und des CSEM in der Schweiz haben eine Dreifach-Solarzelle gebaut, die 30,02 Prozent Wirkungsgrad erreicht – ein zertifizierter Weltrekord für diese Art Zellen. Die Zelle stapelt zwei dünne Perowskit-Schichten auf eine Silizium-Unterzelle. Der vorherige Rekord lag bei 27,1 Prozent.
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg wiederum stellte gleich zwei Modul-Weltrekorde auf: 34,2 Prozent für ein III-V-Germanium-Tandemmodul und 31,3 Prozent für ein III-V-Silizium-Modul. Zum Vergleich: Kommerzielle Module liegen heute bei rund 24 Prozent.
An der LMU München entwickelte das Team um Erkan Aydin eine Perowskit-Zelle, die Temperaturzyklen von minus 80 bis plus 80 Grad Celsius übersteht – und dabei 26 Prozent Wirkungsgrad hält. Gedacht für den Einsatz im Weltraum, relevant aber auch für Wüsten und Hochgebirge.
Und noch ein kleiner Durchbruch, um Perowskit-Solarzellen besser gegen Wind und Wetter zu schützen. An der Universität Stuttgart nutzte das Team um Michael Saliba lichtschaltbare Moleküle, die sich bei UV-Strahlung verformen, um Defekte in der Kristallstruktur aktiv zu versiegeln. So erreichten sie 95 Prozent Leistungserhalt auch nach 2.000 Stunden UV-Bestrahlung und 500 Temperaturzyklen.
...und echte Probleme am Solarmarkt.
Die Industrie erlebt gerade eine Krise:
Ab dem 1. April streicht China die Exportrabatte für Solarmodule komplett – Modulpreise steigen um bis zu 20 Prozent.
Dazu kommt ein Silberpreis, der sich 2025 mehr als verdoppelt hat und rund 15 Prozent der Modulkosten ausmacht.
SMA Solar, Deutschlands größter Wechselrichterhersteller, meldete vergangene Woche 65 Millionen Euro Verlust für 2025 und streicht 1.100 Stellen.
Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte im März die Streichung der Einspeisevergütung für Solaranlagen bis 25 Kilowatt.
In 19 europäischen Märkten schrumpfte der Dach-PV-Markt 2025.
🍏Was ich denke
Die schlechten Nachrichten sind konjunkturell. Die guten sind strukturell.
Regulierungsänderungen, Exportregeln und etwas niedrigere Nachfrage. Das ist Teil des ganz normalen Auf und Ab am Markt, der in den Jahren vorher auch einen großen Boom sah. Es ist der zyklische Lauf der Dinge.
Was in den Laboren passiert, ist es aber nicht. Die Erkenntnisse der Forscher werden bleiben und Grundlage für weitere Erkenntnisse sein. Der Zinseszins-Effekt greift.
Am besten verdeutlicht das dieser Chart. Perowskit-Zellen haben einen Wirkungsgrad von 28% in 17 Jahren erreicht (gelb). Siliziumzellen brauchten dafür fast viermal so lang (grau).

Aber etwas Kontext braucht es noch, denn Hype haben wir genug:
Keiner dieser Durchbrüche löst das Kernproblem der Perowskit-Technologie: die Lebensdauer. Silizium-Module halten 25 bis 30 Jahre. Die besten Perowskit-Minimodule hielten im Outdoor-Test bisher 78 Prozent ihrer Anfangsleistung – nach einem Jahr.
Zwischen Laborzelle und Massenprodukt liegen Welten. Der Perowskit-Forscher Prashant Kamat schrieb in ACS Energy Letters: Effizienzrekorde werden häufig an winzigen Zellen gemessen – 0,1 Quadratzentimeter. Ein kommerzielles Modul hat über 10.000 Quadratzentimeter. Beim Hochskalieren geht regelmäßig Effizienz verloren.
Ich hatte es in meinem Perowskit-Crashkurs angedeutet. Am Ende zählt der Preis:
❝Perowskit-Zellen bekommen im harten Solarmarkt keinen Anfängerbonus. Entweder sie sind besser und billiger, dann setzen sie sich durch. Oder sie sind es nicht, dann setzen sie nicht durch. Da es aber bisher keine Massenfertigung gibt, haben sie auch keine Chance, hohe Lernraten zu erreichen. Ohne hohe Nachfrage gibt es aber keine Massenfertigung. Vielleicht wären spezialisierte Anwendungen in der Nische der erste richtige Schritt.
Und doch deutet insbesondere die Leistung des deutsch-japanischen Teams mit der Quantenausbeute von 132 Prozent an, was in Zukunft noch gehen könnte. Nicht nur ein paar Prozentchen mehr Wirkungsgrad hier und etwas bessere Haltbarkeit dort, sondern eine fundamental andere Art, wie Solartechnik arbeiten kann.
Dieser Forschungsdurchbruch erinnert uns daran, dass Solarzellen eine noch recht junge Technologie sind. Es ist möglich, dass wir erst am Anfang der eigentlichen Durchbrüche stehen. Nicht garantiert, aber möglich.
Was wäre etwa, wenn die heutige Solartechnik dort stünde, wo die Dampfmaschine um 1780 stand? Die hatte damals ihren Markt schon gefunden: Bergwerke entwässern. Dann kam James Watt, verdoppelte den Wirkungsgrad, und plötzlich trieb die Maschine Fabriken, Eisenbahnen, Schiffe an. Die Effizienzsteigerung erschloss nicht einen besseren alten Markt, sondern völlig neue.
Solar hat seinen Kernmarkt ebenfalls bereits gefunden: billigster Strom weltweit. Wenn Perowskit-Tandem die Moduleffizienz von 24 auf 35 Prozent hebt, sinken Strompreis und Systemkosten, weil diese Module weniger Fläche und Material brauchen.
Die Schwellenwerte, ab denen grüner Wasserstoff, Meerwasserentsalzung und synthetische Kraftstoffe für den Flugverkehr wirtschaftlich werden, rücken näher.
Die Frage, die mich umtreibt: Welches Land baut die Fabriken – und erntet, was die Forschungslabore in Freiburg, Stuttgart und München gesät haben?
👉 Steige tiefer ein
Ramez Naam: Solar's Future is Insanely Cheap (2020) – Warum Solar jedes Jahr billiger wird – und warum alle bisherigen Prognosen zu konservativ waren (20 min)
NREL Best Research-Cell Efficiency Chart – Jeder Solarzellen-Rekord seit 1976, interaktiv durchsuchbar
Casey Handmer: The Solar Industrial Revolution (2024) – Die radikalste Vision einer Solar-Zukunft: Warum der Autor meint, Solar sei die größte Investmentchance der Geschichte (30 min, EN)
Hast du Anmerkungen? Antworte direkt oder nutze die Kommentarsektion.
Die guten Links
🏭 Die Chemieindustrie muss sich wandeln – das wissen alle. In Sachsen-Anhalt ist sie besonders wichtig: Dort steht der Chemiepark Leuna. Die Startups, die sich dort ansiedeln, arbeiten an geschlossenen Kreisläufen, Recycling und niedrigem Energieeinsatz – und widersprechen damit dem gängigen Bild, das Sachsen-Anhalt gerade laut Wahlprognosen liefert. Mehr über diese Startups erfährst du bei Process.
🤖 Grüne Rechenzentren klingen gut – bis man erfährt, dass in Hessen neue Gaskraftwerke gebaut werden, um die Stromversorgung für KI zu sichern. Obwohl die Rechenzentren eigentlich grün sein müssten. Mehr im Handelsblatt.
🌍 Ein kurzer, knackiger Überblick über Seltene Erden, die für viele erneuerbare Energietechnologien unverzichtbar sind. Was ich daraus gelernt habe: Der Film Avatar spielt wahrscheinlich eine größere Rolle in unserer Diskussion über Seltene Erden als bisher bekannt, erklärt techxplore. 🌿
🌋 Vulcan Energy hat mit einem 2,2-Milliarden-Euro-Deal Deutschlands erstes Geothermie-Lithium-Projekt auf den Weg gebracht. Wie die Finanzierung strukturiert ist und welche Lektionen andere Großprojekte daraus ziehen können, analysiert das Rocky Mountain Institute in zehn Punkten.
Die wichtigsten News
NEU: Du brauchst auch unter der Woche Nachrichten? Dann schau in meine News-Übersicht.
📈 Politik
Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigt den EEG-Entwurf: Die Kleinanlagen-Vergütung fällt weg – 60 Prozent der Investoren könnten aussteigen (pv magazine)
Das geplante Netzpaket gefährdet 32 GW an Wind- und PV-Projekten sowie 45 Milliarden Euro Investitionen (Energie & Management)
Die EU verteilt 2,7 Milliarden Euro aus dem ETS-Fonds an 54 Netto-Null-Projekte in 17 Ländern (Carbon Pulse)
☀️ Solarenergie
Balkonkraftwerke mit Speicher erreichen 83 Prozent Eigenverbrauch und sparen Haushalten 360 Euro pro Jahr (pv magazine)
Feldwerke bringt 17 MW Agri-PV in Bayern ans Netz und plant 1 GW bis 2030 (pv magazine)
First Solar verklagt 47 TOPCon-Lieferanten – die US-Handelsbehörde ITC eröffnet ein Section-337-Verfahren (PV Magazine Global)
🌬️ Windenergie
Sechs Bundesländer fordern eine 5-GW-Extra-Windkraft-Ausschreibung noch 2026 (Erneuerbare Energien)
Deutsche Onshore-Wind-Tender fallen auf profitabilitätsgefährdende Niveaus – Druck auf Hersteller wächst (Recharge) €
🔋 Speicher & Batterien
Neuer Markt für Momentanreserve: Batteriespeicher können bis zu 26.000 Euro pro MW und Jahr zusätzlich verdienen (pv magazine)
Form Energy liefert 12 GWh Eisen-Luft-Batterien an US-KI-Rechenzentren – Langzeitspeicher erreicht industriellen Durchbruch (Energy Storage News)
Das MIT findet die überraschende Ursache für das Scheitern von Festkörperbatterien: chemische Zersetzung statt mechanischer Stress (Ingenieur)
⚡ Netze & Infrastruktur
Die Allianz investiert 400 Millionen Euro in Amprion – erstmals fließt institutionelles Kapital in großem Stil in deutsche Stromnetzinfrastruktur (Handelsblatt) €
Die Bundesnetzagentur leitet 77 Verfahren ein wegen Versäumnissen beim Smart-Meter-Rollout – Zwangsgelder drohen (pv magazine)
700 E-Autos liefern erstmals Redispatch-Leistung (PV Magazine Global)
🏭 Industrie & Rohstoffe
Tozero startet industrielle Lithium-Produktion aus Altbatterien in München (Trending Topics)
R3 Robotics will 250.000 E-Autos pro Jahr automatisiert recyceln und baut dafür eine Pilotfabrik (Handelsblatt) €
🧪 Wasserstoff & E-Fuels
Freudenberg beendet sein Brennstoffzellen-Geschäft: „Die Technologie ist reif, aber der Markt ist es noch nicht" (Handelsblatt) €
Explosion in Kalifornien legt die H₂-Infrastruktur lahm – 60 Prozent der Tankstellen offline (CleanTechnica)
Ein digitaler Zwilling steigert die Methanol-Ausbeute aus Hüttengasen um 39 Prozent (Solarserver)
Das machen die Startups
Invertix – Das Münchner Startup entwickelt 22 spezialisierte KI-Agenten für PV- und Energieunternehmen, um operative Engpässe bei Asset Managern und IPPs zu beseitigen (pv magazine)
Tesvolt – Der Speicherhersteller aus Wittenberg vollzieht einen Strategiewechsel: Chinesische Hardware kombiniert mit eigener Software soll den neuen 500-kWh-Gewerbespeicher PowerCore G-2 wettbewerbsfähig machen (pv magazine)
Jobs, Deals & Exits
💶 Batteriespeicher-Optimierung: Entrix, München, €43 Millionen in einer Growth-Runde, angeführt von Junction Growth Investors und Korys. Enpal beteiligt. Offene Stellen.
💶 Chemiefreie Kühlwasserbehandlung: blue activity, München, €8,5 Millionen in einer Seed-Runde, angeführt von Wind Capital und Venture Stars.
💶 Industrielle Prozesswärme: SolidWatts, Pully (Schweiz), €1,9 Millionen in einer Seed-Runde.
💶 Installer-Software: Solar Monkey (Den Haag) und Eturnity (Chur) fusionieren zu Europas führendem Installer-Softwareanbieter – mit frischem Kapital von Klima, Junction, Eneco Ventures und Helen. Offene Stellen (Solar Monkey) · Offene Stellen (Eturnity).
Der letzte Link
Ganz Europa schwingt im Takt der deutschen Nachtruhe.
🙏 Wenn dir dieser Newsletter gefällt: Teile ihn mit Kollegen oder Freunden! Einfach die Mail weiterleiten.
❓ In einer der nächsten Ausgaben will ich über Natrium-Ionen-Akkus schreiben. Hast du dazu eine Frage? Dann stell sie mir hier in der Umfrage. Deine Frage hilft mir, die richtigen Schwerpunkte zu setzen.
👋 Bald wieder Ostern und bisher habe ich noch gar keine „Brownout“-Alarm-Artikel wie im letzten Jahr gesehen. Was ist da los? Hat sie der Osterhase versteckt?

