Hi Cleantechie!
NĂ€chste Woche bin ich in Remscheid zum Future Cleantech Festival. Falls du auch da bist: Sag unbedingt Hallo! đ
Im Newsletter geht es heute um zwei Rollenwandler: Solaranlagen, die plötzlich hochkant aufgestellt werden und Loriot, der die perfekte Vorlage geliefert hat, um diesen Trend zu verstehen.
Cleantech Ing. wird mit dieser Ausgabe ĂŒbrigens zwei Monate alt; als ich den Newsletter begonnen habe, waren zwei Monate fĂŒr mich ein wichtiger Meilenstein. Jetzt steht die Entscheidung an, ob ich den Newsletter weiterschreibe. Am Ende zeige ich dir Zahlen und ziehe ein kleines Fazit.
Letâs go!
Warum sich vertikale Solarkraft jetzt durchsetzt
In Deutschland zeigt die Mehrheit von Solaranlagen in einem Winkel von 30 bis 50 Grad nach SĂŒden. Das zeigt die freiwillige Ertragsdatenbank des Solarenergie-Fördervereins.
Mit dieser Ausrichtung lassen sich in Deutschland die höchsten ErtrÀge erzielen.
Der Preis fĂŒr neue Solarmodule ist seit 2017 je nach Typ um mehr als 70 % gefallen. Deswegen lohnen sich plötzlich auch Solaranlagen anderer Ausrichtung.
đ Was ich denke
Es kĂŒndigt sich ein Phasenwechsel an, der verĂ€ndert, wie wir ĂŒber den Einsatz von Solarkraft nachdenken.
Wir wollen nicht mehr zwangslĂ€ufig den höchsten Ertrag ĂŒbers Jahr gerechnet, sondern den richtigen Ertrag zur richtigen Zeit.
Das wirkt auf den ersten Blick wie eine SelbstverstÀndlichkeit. Gegen den richtigen Ertrag zur richtigen Zeit kann niemand etwas haben, oder?
Doch, zum Beispiel, wenn ich als Solaranlagenbetreiber eine garantierte EinspeisevergĂŒtung erhalte â unabhĂ€ngig davon, wie viel Bedarf gerade im Netz ist. Dann verdiene ich umso mehr, je mehr ich produziere. Derzeit im Schnitt in Deutschland 21,3 ct/kWh, fĂŒr Neuanlagen deutlich weniger.
Die ersten, die SonnenzÀune oder vertikale Solaranlagen aufstellen, sind deswegen Industrie und Privatleute, die den zusÀtzlichen Strom direkt verwerten können.
So war es bei Peter Helm. Peter hat die Hecke an der Front seines GrundstĂŒcks abgerissen und durch einen Sonnenzaun ersetzt.
Er hatte sich dazu entschlossen, nachdem seine Dach-Anlage nicht mehr genug Strom fĂŒr die nach dem Ukraine-Krieg neu angeschaffte WĂ€rmepumpe und zwei E-Autos geliefert hatte. Das hat er mir am Telefon erzĂ€hlt:
FrĂŒher waren die Module noch so teuer, dass man sie so aufstellen musste, dass man möglichst viel Ertrag bekommt. Man kam um eine SĂŒdausrichtung eigentlich nicht herum. Aber jetzt, durch die stark gefallenen Preise, ist das nicht mehr das Wichtigste.

Den Zaun hat Peter weitestgehend allein gebaut. In diesem Twitter-Thread hat er den Bauprozess dokumentiert.
Was du auf dem Foto nicht sofort siehst: Peters Anlage nimmt nicht auf beiden Seiten Sonne auf. Er hatte sich bewusst gegen solche Anlagen entschieden, weil er einen cleanen Look haben wollte. Diese gÀngigeren sogenannten bifazialen Anlagen, die auf beiden Seiten Energie aufnehmen, sind oft in gut sichtbare Tragstrukturen eingebettet.
Peter sagte mir, dass der Gesamtertrag der Anlage niedriger sei als jener auf dem Dach. Aber: âAlles, was ich im FrĂŒhjahr oder Herbst produziere, verbrauche ich selbst, dadurch sehe ich einen schnelleren Return-On-Investment (ROI).â
Und dieser ROI wird immer wichtiger.
Diese Ăbersicht von Julien Jomaux zeigt dir, wann Solaranlagen in Deutschland auf Basis der Day-Ahead-Marktpreise derzeit Geld verdienen â oder auch nicht.
Denn die roten Felder rund um die Mittagszeit im Sommer bringen sogar Verlust. Richtig rentabel sind aber die Morgen- und vor allem Abendstunden im Herbst und Winter (dunkelgrĂŒn). Dort lĂ€sst sich Geld verdienen.

Es kann sich heute also lohnen, Solaranlagen so aufzubauen, dass sie an nur zwei bis drei Stunden am Tag optimal eingestellt sind â vor allem, wenn die vertikalen Anlagen mit anders ausgerichteten Modulen kombiniert werden.
Ein Forscherteam der HTWK Leipzig hat sich vor zwei Jahren angeschaut, wann verschieden ausgerichtete Solaranlagen in Deutschland Strom produzieren.
SĂŒd mit Neigung (schwarz) dominiert die Mittagszeit und vertikal mit Ausrichtung Ost-West (grĂŒn) die Morgen- und Abendstunden. Beide ergĂ€nzen sich perfekt, wie die gestrichelte Linie zeigt: Hier haben die Forscher Anlagen mehrerer Ausrichtungen kombiniert. Sexy! Denn dann braucht es weniger SpeicherkapazitĂ€t im Netz.

Du siehst: Es ist fundamental etwas anderes, ob ich auf den reinen, maximalen Ertrag optimiere oder auf das genau richtige MaĂ an Ertrag zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Auch Loriot wusste das.
Denn es ist der Unterschied zwischen 500.000 Blatt Schreibmaschinenpapier, die sich meterhoch im Gang stapeln und dem kleinen Packen mit 500 Blatt im Schreibtisch des SekretĂ€rs, griffbereit und gerade genug, um ihn ĂŒber die Woche zu bringen.

Szene aus dem Film âPappa Ante Portasâ
NatĂŒrlich ist es billiger, wie Loriots Figur Heinrich Lohse in dem berĂŒhmten Sketch argumentiert, eine halbe Million Blatt Schreibmaschinenpapier auf einen Schlag zu kaufen (35 % billiger, um genau zu sein).
Aber ich sage es mal so: Der zusÀtzliche Nutzen von jedem zusÀtzlichen Blatt Papier nimmt eben auch schlagartig ab (deutlich mehr als 35 %). Das sah auch Heinrich Lohses Chef so und schickte seinen verdienstvollen Mitarbeiter in den Ruhestand.
đĄ Ein praktischer Tipp von Peter
Bei solchen Anlagen gibt es oft das Problem der teilweisen Verschattung. Bei Reihenschaltung muss der Strom durch jedes Modul. Wenn eines in der Mitte im Schatten ist, kann das alles lahmlegen. Deswegen hat Peter mit mehreren kleinen Mikrowechselrichtern gearbeitet. So fÀllt bei Schatten nicht gleich die ganze Anlage aus. Die Installation war dadurch auch einfacher.
Ăbrigens: Hier findest du die ganze Loriot-Szene noch einmal. Aber bitte falle jetzt nicht â wie ich bei der Recherche â in den Loriot-Kaninchenbau!
Jobs & Deals
đ¶ Das ist eine vergleichsweise hohe Summe fĂŒr eine Series-A in Deutschland: Die Aachener Batterie-Recycler von Cylib sammeln âŹ55 Millionen ein. World Fund und Porsche Ventures fĂŒhren die Finanzierungsrunde an. 20 offene Stellen, alle in Aachen, u.a. Sales Manager, Systemadmin und Head of Refining.
đ¶ Trawa kauft KI-gestĂŒtzt Strom fĂŒr MittelstĂ€ndler ein. Das Berliner Startup hat gerade eine Seed ĂŒber âŹ10 Millionen abgeschlossen. Balderton Capital fĂŒhrte an. 13 offene Stellen, alle in Berlin, in Tech, Marketing, Sales und Operations. Initiativbewerbungen in allen Bereichen möglich.
đ¶ Enspired aus Wien handelt auch KI-gestĂŒtzt mit Strom, vor allem am Spot-Markt. In einer Series-B sammeln die Ăsterreicher âŹ25 Millionen ein, die sie vor allem fĂŒr die Expansion in den USA und Asien nutzen wollen (Lead: Zouk Capital). 11 offene Stellen, alle in Wien, IT, HR, Operations. Initiativbewerbungen in allen Bereichen möglich.
đ¶ WindflĂ€chen-Marktplatz Caeli Wind aus Berlin mit âŹ11 Millionen in einer Series A, angefĂŒhrt von Notion Capital. Caeli Wind will das neue Geld fĂŒr die internationale Expansion nutzen. 3 offene Stellen, Berlin/remote, darunter eine Werkstudenten-Stelle als kaufmĂ€nnische Assistenz. Initiativbewerbungen in allen Bereichen möglich.
đ¶ Cultimate Foods aus Berlin/Hannover hat ein alternatives Fett entwickelt, das pflanzlichen Fleischersatzprodukten einen authentischen Geschmack verleihen soll. Der High-Tech GrĂŒnderfonds (HTGF) fĂŒhrte nun eine Pre-Seed ĂŒber âŹ2,3 Millionen fĂŒr das Startup an.
đ¶ Hexafarms aus Berlin entwickeln eine Monitoring-Lösung fĂŒr TreibhĂ€user, um die ErtrĂ€ge zu steigern. Jetzt haben sie âŹ1,3 Millionen in einer Pre-Seed bekommen, die sie nutzen wollen, um ihren Algorithmus weiterzuentwickeln und mehr Pflanzen abzudecken. Keine offenen Stellen momentan, aber eine Karriere-Seite, die heraussticht, weil sie nahbar ist und ins Detail geht.
đ Hier habe ich fĂŒr dich eine Liste von Jobportalen fĂŒr grĂŒne Jobs zusammengestellt.
â Sucht dein Unternehmen Mitarbeiter:innen? Schreib es mir!
Die guten Links
đ Stephan Dörner schreibt, was gefĂŒhlt im Moment die halbe Menschheit braucht: âEin Briefing gegen Doomscrollingâ. In der neuesten Ausgabe seines Impact-Newsletters erklĂ€rt er, warum Batterien gerade die Spielregeln verĂ€ndern. Abo-Empfehlung!
đ Passend dazu: China Southern Power Grid hat den ersten Natrium-Ionen-GroĂspeicher ans Netz genommen. Er ist mit 10 MWh KapazitĂ€t sicher kein Gamechanger, zeigt aber, dass es schon jetzt Alternativen zu den Lithium-Ionen-Varianten gibt. Zentraler Vorteil von Natrium-Ionen-Akkus: Natrium lĂ€sst sich u.a. leicht aus Kochsalz gewinnen.
â Passend geht es weiter. Die IEA hat ihren âCriticials Mineral Outlook 2024â vorgelegt. tl;dr - âDer heute gut versorgte Markt ist möglicherweise kein guter Anhaltspunkt fĂŒr die Zukunft, da die Nachfrage nach kritischen Mineralien weiter steigt.â
đ Vielleicht aber braucht es weniger GroĂspeicher, als wir alle denken? Das jedenfalls zeigt eine australische Studie.
đ€ Carbon Brief hat mit Greg Jackson, dem CEO von Octopus Energy gesprochen und es ist ein fantastisches Interview geworden, obwohl Jackson fast nur ĂŒber GroĂbritannien redet. Vieles lĂ€sst sich aber auch auf Deutschland anwenden. Ein Gedanke stach fĂŒr mich heraus: âEs ist im Moment ziemlich verrĂŒckt, dass viele Leute meinen, wir sollten Batterien neben Windkraftanlagen aufstellen. Aber wenn man das tut, dann hat man das Preissignal bereits ausgeschaltet, bevor irgendjemand die Chance hatte, das Beste aus dem billigen Strom zu machen. Die besten Standorte fĂŒr Batterien könnten also zum Beispiel in der NĂ€he von Ballungszentren sein.â
âđ° Sonnenlicht im All auffangen und per Mikrowellen als nutzbare Energie zur Erde senden? Fantastische Idee â aber nur auf dem Papier, wie der ehemalige ESA-Ingenieur Henri Barde in diesem Deep Dive argumentiert. Ein Zitat, das ich mir angestrichen hatte: âEine der vielen Herausforderungen auf der langen und gewaltigen Liste technischer und strategischer Hindernisse: Antennen, die so groĂ sind, dass wir ihr Verhalten nicht einmal simulieren können.â
đ Technologieoffenheit bei Lkw-Antrieben ist eine Frage von vorgestern. Das zeigt diese Bestandsaufnahme von Stefan Hajek in der Wirtschaftswoche. Batterien setzen sich gerade gegen Wasserstoff auf breiter Front durch.
đ§ââ In Deutschland entwickelt, aber in Frankreich produziert? Das MĂŒnchner Flugtaxi-Startup Lilium droht mit Abwanderung.
⻠Ein Forscher-Team der TU Berlin rund um Peter Strasser hat ein neues Elektroylse-Verfahren vorgestellt, um CO zu gewinnen. Es kommt ohne Wasserstoff aus und könnte so die Produktion wichtiger chemischer Grundstoffe wie Ethylen oder alternativer Treibstoffe wie Methanol voranbringen. (Hier das Paper.)
𩬠Vergangene Woche hatte ich berichtet, dass Climeworks auf Island mit einer neuen Absauge-Anlage namens âMammutâ 36.000 Tonnen COâ aus der Luft holt. Das ist ein Meilenstein fĂŒr die Direct-Air-Capture-Branche. Ja nun. 170 echte Wisente in RumĂ€nien schaffen knapp das Doppelte, wie eine neue Yale-SchĂ€tzung zeigt.
Wie es mit diesem Newsletter weitergeht
Das Wichtigste vorneweg: Es geht weiter đ
Euer Feedback ist durchweg positiv. Das sind die aggregierten Ergebnisse der Umfrage, die ich am Ende des Newsletters immer wieder stelle.

Bisher haben erst zwei Menschen den Newsletter wieder abbestellt, wĂ€hrend schon jetzt viel mehr Menschen ihn abonniert haben, als ich mir fĂŒr diesen Zeitpunkt vorgenommen hatte.
Die Ăffnungsrate von 64Â % und vor allem die Klick-Rate von mehr als 30Â % machen mich schon ein wenig stolz, ngl đ

Und ihr schreibt mir immer wieder privat, dass ihr den Newsletter auch wirklich gerne lest:


Die ersten acht Wochen waren fĂŒr mich eine Phase des Experimentierens. Ich habe verschiedene Formate ausprobiert:
der Startup-Check (Reflect Orbital)
die Marktchance (DAC)
das Intro in eine bestimmte Technologie (diese Ausgabe, HöhenwindrÀder hier)
die kommentierten News (Jetzt kommen die toughen Probleme dran)
die kommentierten News-Charts (What the FOAK?)
Mit diesen Experimenten wollte ich herausfinden, was mir SpaĂ macht und wertvoll fĂŒr euch ist.
Eine Erkenntnis: eher weniger Themen angerissen, dafĂŒr ein Thema etwas tiefer.
Auch in den guten Links habe ich umgestellt. UrsprĂŒnglich wollte ich das als reine News-Link-Liste nutzen. Aber ich denke, dass ich so wertvollen Pixelplatz verschenke. Besser fĂŒr euch und interessanter fĂŒr mich: Strenger kuratieren und aktiver empfehlen und zusammenfassen (das zeigen mir die Klickzahlen.)
Die reinen News werden aber in anderer Form wieder auftauchen. Stay tuned đ
Es gibt noch einige offene Fragen. Ich werde sie im Laufe der nĂ€chsten Wochen hier vorstellen und freue mich da dann ĂŒber euer Feedback.
Aber es geht direkt weiter mit den kleinen Experimenten. Ich öffne jetzt die Kommentarspalte. Ich nutze sie diese Woche passend fĂŒr eine Meta-Frage ĂŒber diesen NL: Was kann ich sein lassen und wovon sollte ich mehr machen?
(Du kannst die Kommentare aber auch nutzen, um einfach Hallo zu sagen, kein Problem đ )
Vielen Dank, dass du diesen Newsletter liest đ
Rico Grimm

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