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Diese Woche im Fokus? Geothermie. Da gibt es gleich vier Meldungen. Im Zentrum steht das US-Unternehmen Fervo, dem etwas Großes Neues gelang.
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Zugegeben: Sie haben dicke Bretter bohren müssen. Aber jetzt bohren die Geothermie-Startups endlich in die Tiefe.
tl;dr: Innerhalb einer Woche haben vier Geothermie-Projekte auf drei Kontinenten Finanzierungsmeilensteine erreicht – darunter die erste Projektfinanzierung durch Großbanken für ein Enhanced-Geothermal-Kraftwerk. Das Geld fließt, weil Geothermie drei Probleme gleichzeitig löst: grundlastfähigen Strom für KI-Rechenzentren produzieren, Wärme bereitstellen und Lithium aus der Tiefe für Europas Batterien gewinnen.
Vier Meilensteine in sieben Tagen
Fervo Energy hat 421 Millionen Dollar Projektfinanzierung für sein Kraftwerk Cape Station in Utah erhalten – von Barclays, HSBC, JPMorgan und sechs weiteren Großbanken. Das Besondere: Der Deal ist Non-Recourse – als Sicherheit dient nur das Kraftwerk selbst, nicht das ganze Unternehmen.
Heißt übersetzt: JPMorgan und Co. glauben, dass das Kraftwerk allein genug Geld abwirft, um den Kredit zurückzuzahlen. Für Enhanced Geothermal Systems (EGS), bei denen künstliche Risse in heißem Tiefengestein Wärme fördern, ist das ein Novum.
Fervo hat außerdem seinen Börsengang bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Er wird im Sommer 2026 erwartet.
GA Drilling aus der Slowakei hat 44 Millionen Dollar eingesammelt – angeführt von Thomas von Koch, dem ehemaligen Chef des Private-Equity-Riesen EQT. Das Geld fließt in eine Bohrtechnologie namens NexTitan, die bis zu dreimal schneller bohren soll als herkömmliche Systeme. Validiert in Norwegen, jetzt auf dem Weg zur kommerziellen Skalierung.
In Cornwall hat United Downs als erstes Tiefengeothermie-Kraftwerk Großbritanniens Strom ins Netz eingespeist. 3 Megawatt Strom und 10 Megawatt Wärme aus 5.275 Metern Tiefe, die tiefste Onshore-Bohrung der britischen Geschichte. Nebenprodukt: über 360 Milligramm Lithium pro Liter Sole. Das ist einer der höchsten Gehalte der Welt.
Und in der Pfalz hat Vulcan Energy die erste kommerzielle Lithium-Produktionslizenz im Oberrheingraben erhalten. Ab 2028 will das Unternehmen dort 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat pro Jahr fördern – genug für rund 500.000 Elektroauto-Batterien. Gleichzeitig sollen fünf Geothermie-Kraftwerke 275 Gigawattstunden Strom und 560 Gigawattstunden Wärme liefern.
Warum das wichtig ist
Vier Meldungen, ein Muster: Geothermie wird finanzierbar. Das klingt gemessen an Wind- oder Solarkraft wie eine Kleinigkeit. Aber genau daran scheitert die Technologie seit Jahrzehnten regelmäßig.
Herkömmliche Geothermie braucht Vulkane, heiße Quellen, geologische Glücksfälle. Enhanced Geothermal Systems brechen diese geografische Grenze auf – sie erzeugen künstliche Reservoire in heißem Gestein, das praktisch überall in ausreichender Tiefe existiert. Das Problem war dabei seit Jahren kaum noch die Physik. Das Problem war das Geld.
Dazu kommt ein zweiter Punkt. Seit Simbabwe Ende Februar seinen Lithium-Rohexport gestoppt hat – das Land liefert knapp zehn Prozent der Weltproduktion –, sprangen die Lithiumpreise wieder nach oben. Das ist vor allem für Europa ein Problem. Denn es importiert praktisch sein gesamtes Lithium. Beispielhaft hier die Zahlen für das höher veredelte Lithiumhydroxid:

Drittens: Vulcan Energy und United Downs etablieren eine neue Kategorie: Strom, Wärme und Lithium aus derselben Bohrung. Fervo in Utah produziert nur Strom – in Cornwall und am Oberrheingraben liefert ein Bohrloch gleich drei Produkte. Die EU hat Vulcans Projekt als strategisch im Sinne des Critical Raw Materials Act eingestuft, die Europäische Investitionsbank hat 250 Millionen Euro beigesteuert.
Viertens, die Internationale Energieagentur sieht großes Potenzial: 800 Gigawatt installierte Leistung bis 2050, Kosten, die bis 2035 um 80 Prozent fallen könnten. Die Investitionen in Next-Generation-Geothermie sind von 22 Millionen Dollar im Jahr 2018 auf 2,2 Milliarden im Jahr 2025 gestiegen – verhundertfacht in sieben Jahren.
Ob das reicht, um aus der Nische herauszuwachsen, entscheidet sich in den nächsten drei bis fünf Jahren. Cape Station, Vulcans Oberrheingraben, Cornwalls Lithium-Sole – das sind die Testfälle.
Woran es scheitern kann
Strom aus fortgeschrittener Geothermie kostet aktuell rund 140 Dollar pro Megawattstunde – mehr als doppelt so viel wie Solar.

Fervo hat seine Bohrkosten zwar um 49 Prozent gesenkt, von 9,4 auf 4,8 Millionen Dollar pro Bohrung, aber zwischen 2006 und 2010 sahen die Märkte schon einmal eine Welle an Geothermie-Börsengängen – und fast jedes Listing scheiterte. (Wer den Friedhof besuchen will: Nevada Geothermal Power, Western GeoPower, Sierra Geothermal Power, Magma Energy und Ram Power hießen die Hoffnungsträger damals – keine überlebte eigenständig. Einzig Ormat Technologies kam durch.)
Vulcans Investitionskosten sind von 1,5 auf 2,2 Milliarden Euro gestiegen, der Produktionsstart wurde viermal verschoben. Ein Plan ist gut, aber um diese Pionierprojekte umzusetzen, müssen die Firmen gut und diszipliniert arbeiten.
🍏 Was ich denke
Auf Social Media gilt: Falls jemand in seinem Profil „nicht links, nicht rechts“ stehen hat, dann ist er meistens ein Idiot.
Nun gilt für Geothermie nicht die Schlussfolgerung, aber doch die Beschreibung. Ihr großer Vorteil ist, dass sie in keine politische Schublade passt. Das vergrößert die Zahl möglicher Geldgeber.
Die Grünen, die „Ökos“, haben für Solar und Wind gekämpft, nicht für das Bohren fünf Kilometer tiefer Löcher. Und doch: Geothermie ist eine CO₂-freie Energiequelle.
Konservative wiederum erkennen angesichts des Stromhungers von KI und des Iran-Krieges, dass jetzt jede Energiequelle gebraucht wird. Geothermie ist da der perfekte Kompromiss für sie. Denn sie nutzt das Know-How der Öl- und Gasbranche und ist grundlastfähig. Donald Trump hatte zwar die Förderungen für Solar und Wind gekappt, aber jene für Geothermie nicht angerührt.
Dass Fervo jetzt in den USA ein erstes Kraftwerk mit einem Non-Recourse-Deal bauen kann, ist dabei eine größere Meldung, als es auf den ersten Blick scheint.
Denn Fervo überspringt damit das gefürchtete Tal des Todes, in dem Industrie-Startups mit teuren Pilotprojekten immer wieder scheitern. Zu wenige traditionelle Geldgeber wollen das Risiko auf sich nehmen.
Fervo aber hat diese sogenannte FOAK-Lücke geschlossen. FOAK steht für „first of a kind“. Die Geldgeber betrachten das Projekt als Infrastruktur, und in der Welt der Projektfinanzierung kommt das einem Ritterschlag gleich: Nicht links, nicht rechts, sondern Infrastruktur.
👉 Steige tiefer ein
IEA: The Future of Geothermal Energy (Dez 2024) – Der Referenzreport. Frei zugänglich, 45 Min.
Latitude Media: Fervo has crossed the bankability divide (März 2026) – Die beste Einzelanalyse dazu, warum Banken jetzt Geothermie-Risiko übernehmen. 10 Min.
Schenker et al.: Carbon footprint of lithium extraction from geothermal brines (RSER 2024) – Peer-reviewed Reality Check: Geothermie-Lithium ist nicht automatisch grün. Für Fortgeschrittene, 25 Min.
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🌍 Niemand kann das Wort „Geoengineering“ wirklich definieren. Es wird für alle möglichen Anwendungen verwendet – von Wetterbeeinflussung bis hin zur Aerosolinjektion. Dabei sind das grundverschiedene Dinge. Ein langer Artikel, der einen guten Punkt macht und zum Nachdenken anregt, bei Keep Cool.
🤖 Warum Energie-Technologie das unterschätzte Investment der KI-Welle sein könnte, analysiert TechCrunch.
✈️ Googles KI kann Kondensstreifen um 63% reduzieren reduzieren – im echten Test wählten die Dispatcher aber nur in 15% der Fälle die optimierte Route. Das Problem ist nicht die Technologie, sondern dass niemand die ungewohnte Flugroute nehmen will. Eine Spurensuche bei Sustainability by numbers.
🌱 Wie alte Kohleminen zu riesigen Batterien werden → Golem
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Europa kann seinen mittelmäßigen Pop singen und Menschen in Uganda bekommen Solarstrom? Eigentlich würde ich sagen: typischer Ablasshandel des Westens. Aber für wen ist der Deal eigentlich wirklich besser?
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👋 Musste den ESC ein wenig dissen, obwohl ich ihn an und für sich als Veranstaltung, also als Prinzip super finde. Aber in der Theorie hört sich ja alles gut an – selbst kuriose Musik.

