Hi Cleantechie!

Dieser Newsletter hilft dir, die wichtigsten Trends, Forschungsdurchbrüche und Geschäftsmodelle der Branche zu verstehen.

Diese Woche schauen wir auf die Salzgitter AG: Denn, wenn auf Tiktok die Aktie eines Stahlherstellers gehypt wird, der ein ambitioniertes Programm zur Produktion von grünem Stahl hat, lohnt es sich, zweimal hinzuschauen.

Let’s go!

💚 Vielen Dank für deine Geduld und die vielen guten Wünsche!

Kurz vor Weihnachten hatte ich diesen Newsletter pausiert, um mich um meine Familie kümmern zu können, in der wir mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten. Hunderte von euch haben mir daraufhin geschrieben, ich bin immer noch dabei, jedem Einzelnen zu antworten. Diese Welle der Solidarität hat mir in der schwierigen Zeit sehr geholfen.

Alle bezahlten Abos laufen jetzt wieder an. Jahresabos habe ich um 2 freie Monate verlängert. Sollte es da Fragen oder Probleme geben, sofort melden bitte.

Wer mich und diesen Newsletter noch nicht unterstützt, kann das hier tun:

Salzgitter hat, was die Wettbewerber nicht haben: Stehvermögen, aber am grünen H₂ mangelt es auch bei ihnen.

Das ist ein Aktienlauf, wie ihn die Old Economy nur selten erlebt. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Schein des deutschen Stahlherstellers Salzgitter AG knapp verdreifacht, vor ein paar Wochen fiel das Zehnjahreshoch.

Gut, dass die Aktionäre im Januar 2025 ein Kaufangebot eines Großaktionärs ablehnten: Der war vielleicht etwas zu geizig, und wurde mit seinem Kaufangebot von €18,50 pro Aktie wieder nach Hause geschickt.

Heute steht die Aktie bei mehr als €55 und ist damit sogar zu einem Tipp bei den zahllosen Finanzkanälen auf Youtube und Tiktok geworden.

Das könnte uns Cleantechies herzlich egal sein – wäre Salzgitter nicht eine von drei verbliebenen Firmen in Deutschland, die Milliarden in grünen Stahl stecken.

Wie es dieser Firma geht, ist für die industrielle Dekarbonisierung Deutschlands wichtig.

Die Anleger sehen in Salzgitter Potenzial – wegen Energiewende und Klimakrise.

Wie sich der Ausblick für Salzgitter ändert

Bei Salzgitter kommen gerade siebenf Dinge zusammen, die die Fantasie treiben:

  1. Im Juli 2025 hat die Bundeswehr den Stahl der Firma zertifiziert. Salzgitter darf jetzt den sprichwörtlichen „Panzerstahl“ herstellen. Der macht bisher weniger als 1 % des Umsatzes aus, sorgte am Tag der Meldung aber trotzdem für einen 20 %-Kurssprung.

  2. Seit Januar greift CBAM – der Grenzausgleichsmechanismus der EU. Er verteuert CO₂-intensive Importe: Je dreckiger, desto teurer. Für Salzgitter eine gute
    Nachricht, weil die potenziell günstigere Konkurrenz aus Asien vorerst draußen bleibt. In den nächsten zehn Jahren könnten die Stahleinfuhren wegen dieser Zölle um 24 % sinken.

  3. Gleichzeitig teilt die EU den Stahlherstellern kostenlose Emissionszertifikate zu. Wer weniger ausstößt, kann die Zertifikate jahrelang am Markt verkaufen. (Mit diesem Modell hat Tesla in den Anfangsjahren viel Geld verdient; damals rissen sich die Menschen aber auch noch um die Autos – anders als heute.)

  4. Salzgitter ist der einzige deutsche Stahlhersteller mit einem voll durchfinanzierten Programm für grünen Stahl: SALCOS. €2,3 Milliarden fließen in eine
    Direktreduktionsanlage und einen Elektrolichtbogenofen. Angepeilter Produktionsstart: Mitte 2027.

  5. Auch bei einem anderen wichtigen Energiewende-Metall mischt Salzgitter mit: Die Firma hält Anteile am Hamburger Kupferhändler Aurubis – und Kupfer wurde in den Finanztiktoks ebenso gepriesen. Salzgitter nutzt den Wirbel und steigt über eine Wandelanleihe schrittweise aus.

  6. Stattdessen fokussiert sich das Unternehmen auf das Kerngeschäft und hat in Duisburg das Hüttenwerk Krupp Mannesmann komplett übernommen. Die Anteile haben sie u.a. Thyssen Krupp abgekauft. Das ist wichtig, weil…

  7. … fast alle Wettbewerber von Salzgitter Probleme mit ihren Programmen für grünen Stahl haben. ArcelorMittal hat gleich ganz das Handtuch geworfen und gibt lieber eine Milliardensubvention zurück, als in Deutschland grünen Stahl zu produzieren. ThyssenKrupp will sein Stahlgeschäft eigentlich verkaufen, und selbst die hochgelobten Schweden von Stegra, ehemals H2Green, kommen nicht voran. €1,1 Milliarden Investitionen fehlen ihnen.

Die sieben Gründe zeigen: Das Fundament für den Aktienlauf ist tatsächlich grün.

Aber wir wissen nach vielen Jahren Greenwashing: Nicht alles, was grün aussieht, ist es auch.

Aber Salzgitter hat nicht genug Wasserstoff, und der ist auch noch zu teuer

Die Direktreduktionsanlage, die Salzgitter für €2,3 Milliarden baut, soll mit Wasserstoff laufen. Für den vollen Betrieb braucht die Anlage 150 000 Tonnen Wasserstoff im Jahr.

Gesichert hat Salzgitter bisher 9.000 Tonnen – aus einer eigenen Elektrolyse, die gerade ans Netz geht. Das sind sechs Prozent. Sechs.

Mit Uniper gibt es einen Vorvertrag über weitere 20.000 Tonnen. Aber der gilt nur, wenn eine 280 Kilometer lange Pipeline steht, und die kommt frühestens 2028.

Salzgitter schrieb 2024 einen Wasserstoff-Tender aus und bekam über hundert Angebote. Verträge daraus: keine bekannt. Salzgitter publizierte nichts. Weil die Firma jedes Signal bräuchte, dass ihre Pläne Hand und Fuß haben, liegt der Schluss nahe: Es gibt keine Verträge neben dem Uniper-Vorvertrag.

Das heißt: Wenn SALCOS Mitte 2027 startet, läuft die Anlage überwiegend mit Erdgas. „Grüner Stahl“ ist dann erst einmal erdgasreduzierter Stahl. Immerhin 30 % weniger CO₂ als beim klassischen Hochofen – aber von den versprochenen 95 % weit entfernt.

Und es wird teuer. Grüner Wasserstoff kostet in Deutschland aktuell mindestens 4,50 USD pro Kilo in der Herstellung und 13 Euro mit Infrastruktur. Damit sich H₂-Stahl rechnet, müsste der Preis laut dieser Studie unter 1,63 USD liegen. Im besten Fall ist der Wasserstoff noch dreimal so teuer.

Salzgitter-CEO Groebler sagt trotzdem: Grüner Stahl wird zwischen 2030 und 2033 günstiger als Kohlestahl.

Die Wissenschaft ist skeptischer. Eine Studie in Nature Communications rechnet für Deutschland mit 2035 bis 2040 – weil Wasserstoff hier schlicht doppelt so teuer ist wie in Skandinavien.

Und auch in Nordeuropa zahlen Kunden mehr für grünen Stahl. Aber, gute Nachricht, der Aufpreis wird kleiner:

Salzgitter selbst schrieb 2024 fast prophetisch in seinen Risikobericht (PDF): “Als gravierend [...] stufen wir auch die deutsche respektive europäische Energie- und Umweltpolitik ein. Unter Umständen können sich hieraus existenzielle Risiken ergeben.“

Wenn also die deutsche Bundesregierung nun knappes „Grüngas“ in deutschen Heizungskellern verfeuern will, ist das ein Signal, das in Salzgitter ankommt und verstanden wird. Das stellt die Existenz ihres Projektes infrage.

🍏 Was ich denke

Unter den Durstigen ist der Mann mit einem tropfenden Wasserhahn Kaiser.

Und unter den europäischen Stahlherstellern ist die Salzgitter AG gerade Kaiser. Allen fehlt Wasserstoff. Keiner weiß, ob er grünen Stahl rechtzeitig und günstig genug herstellen kann.

Aber die Salzgitter AG bleibt bei ihrem Ziel, hat nicht mit internen Querelen zu kämpfen und liegt einigermaßen im Zeitplan.

Positiv formuliert: Sobald genügend grüner Wasserstoff da ist, kann sie aus den Vollen schöpfen. Negativ formuliert: Sie verliert ein wenig langsamer als die Konkurrenz.

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Funding & Exits

💶 GovTech/Klimaplanung: Ark Climate, München, €2,1 Millionen in einer Pre-Seed, angeführt von Satgana.

💶 FoodTech/AI: Foodforecast, Deutschland, €8 Millionen in einer Series A, angeführt von SHIFT Invest, ECBF.

💶 Energie/Batteriespeicher: Einklang, Deutschland, €2,2 Millionen, angeführt von Vireo Ventures.

💶 Textiltechnologie: CLIMATEX AG, Schweiz, €3,5 Millionen, angeführt von Collateral Good Textile & Fashion Innovation Fund.

💶 Sustainable Aviation Fuel: Metafuels, Schweiz, $24 Millionen, angeführt von UVC Partners.

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Rico Grimm

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