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Hi Cleantechie!

Diese Woche tun wir etwas für die Allgemeinbildung: deine wie meine. Denn Ewigkeitschemikalien, von denen haben wir alle schon einmal gehört.

Eine Reihe von Finanzierungsdeals für Startups in den vergangenen Monaten nehme ich zum Anlass für einen kleinen Crashkurs.

Let’s go!

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Manche Beziehungen halten ewig. In der Chemie ist das keine gute Nachricht.

Ich zeige dir, warum diese Chemikalien “ewig” sind, wie groß das Problem ist, und welche Werkzeuge wir haben, um ihrer Herr zu werden.

Warum das Thema jetzt wichtig wird

  • Die EU verhandelt gerade über ein Universalverbot für Ewigkeitschemikalien (PFAS).

  • Seit Januar gelten erstmals EU-weite PFAS-Grenzwerte fürs Trinkwasser, seit dem 12. August sind PFAS in Lebensmittelverpackungen verboten, ab Oktober greifen Beschränkungen für PFAS in Kleidung.

  • Laut EU-Kommission verursachen diese Chemikalien mindestens €39,5 Milliarden Gesundheitskosten pro Jahr – gerechnet für nur vier von über 10.000 Stoffen.

  • Selbst ambitionierte Sanierung entfernt europaweit 3 bis 50 Tonnen PFAS pro Jahr – weniger als zwei Prozent der laufenden Emissionen.

  • Das Forever Pollution Project zählt 23.000 nachweislich kontaminierte Standorte in Europa, über 1.500 davon in Deutschland.

  • Im April urteilte das Landgericht Baden-Baden im Fall Rastatt erstmals, dass ein Verursacher für PFAS im Grundwasser haftet – 14 Jahre nach Entdeckung. Die Zahlungshöhe wird noch verhandelt. In den USA zahlt Chemours $450 Millionen im ersten Bundesvergleich, Australien verklagt 3M auf Rekordsumme. 3M hat seine PFAS-Produktion im vergangenen Jahr eingestellt.

  • Die Firma Chemours will ein neues PFAS-Kühlmittel in den KI-Rechenzentrumsmarkt bringen, gegen den Widerstand von 17 Umweltverbänden.

Es fließt immer mehr Geld in Lösungen

  • Porelio aus Potsdam schloss im Juli eine überzeichnete Pre-Seed-Runde über €2,4 Millionen ab, Klar2O aus Bruchsal holte €4,5 Millionen, die ETH-Ausgründung CellX sammelte über CHF 4,8 Millionen Fördergeld und plant ihre Seed-Runde für Ende 2026. Grapheal bekam €2,5 Millionen von der EU für einen PFAS-Schnelltest.

  • Aber die größte Wette findet sich in den USA: Claros Technologies aus Minneapolis holte Ende Juli $55 Millionen Series B für sein UV-Verfahren, das PFAS zerstören statt nur filtern soll. Bemerkenswert ist, wer investiert: der Fluorchemie-Konzern Daikin – ein PFAS-Hersteller kauft sich beim PFAS-Zerstörer ein.

  • Dahinter eine ganze Welle kleinerer Runden binnen Monaten: Biota ($3 Millionen, PFAS-Tests), Hexivon (Zerstörung, Summe ungenannt), Cyclopure (Einstieg des japanischen Wasserkonzerns Kurita).

  • Die Etablierten kaufen derweil zu: Abfallfirma Veolia will sein PFAS-Geschäft von €259 Millionen auf €1 Milliarde Umsatz bis 2030 vervierfachen.

Warum diese Chemikalien ewig sind

Die Elemente des Periodensystems sind wie die Menschen in einer großen Stadt. Sie führen Beziehungen, die so vielfältig sind wie die Menschen selbst. Manche, wie zum Beispiel Xenon, gehen nur ganz lockere Bindungen mit anderen Elementen ein: schnell verführt, schnell aufgelöst. Manche sind seriell monogam: Sie haben wechselnde Partner, nacheinander. Wasserstoff etwa – sein Proton springt in jedem Glas Wasser ununterbrochen von Molekül zu Molekül.

Dann gibt es Fluor und Kohlenstoff. Diese beiden Elemente sind Romeo und Julia des Periodensystems. Fast nichts kann sie trennen. Eine Kohlenstoff-Fluor-Bindung hat mit ~485 kJ/mol (Spanne 450–540) die höchste Bindungsenergie aller Einfachbindungen der organischen Chemie.

Gelb: Fluor. Grau: Kohlenstoff. Die Rüstung ist ein Grund, warum PFAS so schwer zu zerstören sind.

Hier kommen zwei Effekte zusammen: Fluor besitzt eine hohe Elektronegativität und bildet so extrem feste Bindungen. Sonnenlicht etwa reicht nicht aus, das aufzubrechen.

Gleichzeitig legt sich Fluor um die Kohlenstoff-Atome wie eine Rüstung herum. Das macht es für andere Chemikalien und Enzyme extrem schwer, die Bindung zu lösen. Sie finden schlicht keinen Angriffspunkt.

Deswegen setzen die Startups, die PFAS zerlegen wollen, auf das einzige, was manchmal noch funktioniert: rohe Gewalt.

Wie die Startups das Problem lösen wollen

Es gibt verschiedene Methoden. Noch hat sich keine als die Königslösung durchgesetzt. Ich erkläre sie jeweils in einem laienverständlichen Satz. In Klammern stehen die Startups, die auf diese Technologie setzen:

  • UV + hydratisierte Elektronen: Ist fast genauso reaktionsfreudig wie Fluor selbst: eine Mischung aus UV-Licht und einem Hilfsstoff. Sie nehmen Fluor stückweise Elektronen ab und weichen so die Bindung auf. (Claros, Oxyle)

  • Überkritische Wasseroxidation (SCWO): Sehr heißes Wasser und extrem großer Druck brechen die Bindung. (374Water, Revive Environmental, Aquagga)

  • Elektrochemische Oxidation: Strom, der durch bestimmte Materialien geleitet wird, kann der Bindung Elektronen entreißen. (Aclarity, Gradiant)

  • Plasma und Kavitation: Ein Mini-Blitz über dem Wasser oder implodierende Gasbläschen, in denen es für Sekundenbruchteile heißer wird als auf der Sonnenoberfläche – beides noch im Labor, aber mit deutscher Beteiligung (Helmholtz Dresden, noch kein Startup am Markt).

  • Bakterien: Das Bakterium Acidimicrobium A6 „atmet“ Eisen und knabbert dabei als Nebeneffekt Fluoratome ab. Dauert sehr lange. (CellX, Allonnia)

  • Abtrennen statt zerstören (Adsorption): Aktivkohle wirkt wie ein Klettband, an dem PFAS mit ihrem wasserabweisenden Schwanz hängen bleiben – kurze Ketten haben den aber nicht und rutschen durch. (Porelio, Klar2O, Cyclopure)

🍏 Was ich denke

1. Hohe Kosten machen noch keinen Markt.

PFAS verursachen gewaltige Schäden. Doch hohe gesellschaftliche Kosten schaffen nicht automatisch einen großen Markt für Sanierungstechnik. Die laufende Sanierung allein würde laut einer Fachstudie rund €100 Milliarden pro Jahr kosten. Der adressierbare Technologiemarkt erreicht bislang nur etwa ~$3 Milliarden.

Der Grund: Gesundheitssysteme, Wasserversorger und Kommunen tragen die Folgen – selten die Verursacher. Solange das so bleibt, ist PFAS-Sanierung eine teure Pflichtaufgabe. Zahlen wird nur, wer zahlen muss. Das Gerichtsverfahren in Rastatt zeigt, wie lange sich das ziehen kann: Zwischen der Entdeckung der Belastung und dem ersten Haftungsurteil lagen 14 Jahre.

2. Wir regulieren dort, wo wir messen können – nicht dort, wo das Problem am größten ist.

Die neuen Trinkwassergrenzwerte sind ein Fortschritt. Aber sie lenken Geld und Aufmerksamkeit auf einen kleinen Teil des Problems. Wir nehmen PFAS vor allem über das Essen auf, nicht über Wasser. Und ausgerechnet TFA rutscht durch die üblichen Filter. Das ist die mengenmäßig häufigste PFAS-Verbindung im Trinkwasser.

3. Das Geschäft liegt im Ersetzen, nicht im Aufräumen.

Sanierung ist technisch vertrackt, teuer, und wer sie zahlt, ist meistens ungeklärt. Bei PFAS-freien Alternativen ist das anders. Ein Verbot liefert einen Stichtag – und ein Stichtag ist der einzige Grund, wegen dem Unternehmen zuverlässig Geld ausgeben. Deswegen entsteht der verlässlichere Markt nicht bei den Anlagen, die aufräumen, sondern bei Ersatzstoffen, neuen Materialien und umgebauten Produktionsprozessen.

PFAS gar nicht erst in Umlauf zu bringen, ist billiger, als die Schäden später zu tragen:

Was du mitnehmen kannst:

  • „Ewigkeitschemikalien“ ist kein PR-Begriff, sondern ziemlich präzise Chemie: Mit rund 485 kJ/mol ist die Kohlenstoff-Fluor-Bindung die stärkste Einfachbindung der organischen Chemie.

  • Filter allein lösen das Problem nicht. TFA macht inzwischen mehr als 90 Prozent der PFAS-Masse im Trinkwasser aus – und rutscht durch die Filter.

  • Das bessere Geschäft dürfte deshalb nicht das Aufräumen sein, sondern der PFAS-Ersatz.

👉 Steige tiefer ein

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Die guten Links

🔥 Die Stadtwerke Norderstedt heizen seit 2024 mit der Abwärme eines Rechenzentrums: Zwei Hochtemperatur-Wärmepumpen heben sie auf 81 Grad Vorlauf und speisen bis zu 1.800 Kilowatt ins Fernwärmenetz. Gegenüber der fossilen Erzeugung spart das €600.000 im Jahr und 2.900 Tonnen CO2. Mehr Infos im Blog des Bundesverbands Wärmepumpe.

🏭 Zementwerke stoßen 5 bis 8 Prozent des weltweiten CO2 aus. Ausgerechnet sie könnten zur Senke werden, rechnet die ETH Zürich vor: Der Kalzinierofen wird elektrisch beheizt, und das Calcium-Looping-Verfahren, das im Werk ohnehin steckt, zieht zusätzlich CO2 aus der Luft. In den günstigsten Szenarien bis 2050 landet die Anlage bei 85 bis 96 Prozent Netto-Negativität. Zwei Vorbehalte nennt Renewable Carbon selbst: Der elektrische Ofen ist im Industriemaßstab unerprobt.

🔋 LFP (Lithium-Eisenphosphat) gilt als die sichere Zellchemie. Ein Team der Newcastle University und der Warschauer Feuerwehrakademie zeigt, dass das vom Einsatzort abhängt: LFP bleibt über 300 Grad strukturell stabil, kann im Fehlerfall aber Fluorwasserstoff in Konzentrationen von 3.000 bis 8.000 ppm freisetzen. Der Vergleich von Lithium-, Natrium- und Festkörperzellen steht bei pv magazine.

Was die Cleantech-Startups machen

🔥 Startup der Woche

🏠 thermondo aus Berlin rechnet für 2026 mit dem ersten profitablen Geschäftsjahr der Firmengeschichte: über €275 Millionen Umsatz und €12 Millionen EBITDA. Als Treiber nennt die Firma Kostendisziplin, eine neue Tech-Plattform und ein neu besetztes Management-Team unter CEO Felix Plog. → 241 offene Stellen

Außerdem neu

  • 🧱 Wärmespeicher – Nanolope (Berlin) sammelt €800.000 Pre-Seed ein und will Wände und Decken im Bestand in passive Wärmespeicher aus pflanzlichen Rohstoffen verwandeln. Beteiligt ist unter anderem IBB Ventures, einen Lead-Investor nennt die Meldung nicht.

Die wichtigsten News

Du brauchst auch unter der Woche Nachrichten? Dann schau in meine News-Übersicht.

⭐ Das solltest du gesehen haben

  • Netzanschlüsse für Batteriespeicher: 574 Gigawatt angefragt, 54 Gigawatt zugesagt (pv magazine)

  • Shell verkauft den Heimspeicher- und Virtuelle-Kraftwerke-Anbieter sonnen nach sieben Jahren (Energy Storage News)

  • Siemens Energy trennt sich von Industriegeschäft – Elektrolyseure künftig unter neuer Firma (HZwei)

🏭 Unternehmen & Markt

  • Schwarz Gruppe plant riesiges Rechenzentrum bei Rostock (E&M) €

  • 35-MW-Elektrodenkessel der Infraleuna offiziell in Betrieb (PROCESS VOGEL)

  • Alpiq übernimmt Batteriespeicher Bollingstedt (Solarserver)

  • BWE Service GmbH beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung (Erneuerbare Energien)

  • Verlustgeschäft: Studie zeigt wirtschaftliche Hürden beim Batterie-Recycling (Electrive)

🔬 Technologie & Erfindungen

  • Chinas grüner Wasserstoff erreicht Preisparität zu grauem Wasserstoff bei Kosten von 11,2 Yuan/kg (FuelCellsWorks) €

  • Fraunhofer ISE entwickelt semitransparente organische PV-Module mit 9,26 % Wirkungsgrad (PV Tech)

📈 Politik & Regulierung

  • Breite Ablehnung von 50-Prozent-Leistungskappung für Photovoltaik (pv magazine)

  • Spanien fordert, dass Rechenzentren überwiegend mit erneuerbaren Energien betrieben werden (Recharge)

  • Deutschland könnte 2026 erstmals seine Klimaziele verfehlen (pv magazine)

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Ich bin ja beeindruckt, dass so etwas nicht viel öfter vorkommt. Denn so ein Rotorblatt ist riesig.

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👋 Hätte mir meine Chemielehrerin das Periodensystem nur anhand menschlichen Paarungsverhaltens erklärt…

Rico Grimm

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