Hi Cleantechie!
Diese Woche vernichte ich einen Schatz. Denn ich krame meine alten Prognosen aus diesem Newsletter hervor und prüfe, ob sie eingetroffen sind.
Die alten Prognosen sind ein Schatz: Für einen Analysten ist kaum etwas so wertvoll wie eine Prognose, an die sich niemand mehr erinnert. Denn lag er falsch, bekommt es niemand mit. Lag er aber richtig, kann er damit hausieren gehen.
Genau deshalb machen Analysten selten Inventur – es ist riskant.
Ich mache sie trotzdem, weil dieser Newsletter ein Werkzeug sein soll, das dir hilft, mehr zu verstehen oder bessere berufliche Entscheidungen zu treffen.
Diese Inventur wird keine einmalige Sache. Ich habe ein cleantech.ing-Thesenlog online gestellt, in dem ich Protokoll führe.
Let’s go!
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🍏 Welcher andere Newsletter prüft öffentlich, ob seine Prognosen eingetroffen sind?
Eben.
cleantech.ing gibt es nur, weil Menschen wie Du dafür zahlen. Wenn Du diesen Newsletter Woche für Woche liest, werde:
Ich habe Katherina Reiche unterschätzt. Das war der erste Fehler.
Diese drei Wetten habe ich verloren
„Sie [die Union] wird aber nach der Wahl nur ein kleines Reförmchen [des Heizungsgesetzes] durchführen, um dann behaupten zu können, dass damit nun alles besser sei.“ (31.12.2024) – Kein Reförmchen, sondern Kahlschlag: Das Kabinett beschloss im Mai 2026 das Gebäudemodernisierungsgesetz, das die zentrale 65-Prozent-Regel des Heizungsgesetzes komplett streicht.
„Wir haben den Scheitelpunkt im Energiesystem erreicht. Ab jetzt nur noch: weniger CO₂.“ (14.05.2024) – Falsch: Die energiebedingten CO₂-Emissionen stiegen laut IEA 2024 auf ein Allzeithoch von 37,8 Gigatonnen, und das Global Carbon Project projiziert für 2025 erneut einen Rekord.
„Geothermie-Kraftwerke liefern derzeit 47 MW Strom in Deutschland. Bis Ende des Jahres gibt es Planungen, die diese Zahl verdoppeln.“ (31.12.2024) – Es blieb bei rund 47 MW aus zwei Kraftwerken. Die Projekt-Pipeline wächst zwar auf rund 155 Anlagen – aber überwiegend für Wärme, nicht für Strom.
Diese sechs habe ich gewonnen
„Wir werden noch viele Pleiten und gescheiterte Wasserstoff-Projekte sehen.“ (06.08.2024) – HH2E und Quantron meldeten Insolvenz an, ArcelorMittal kippte trotz €1,3 Milliarden Förderzusage seine Wasserstoff-Stahlprojekte in Bremen und Eisenhüttenstadt.
„Speicher, die vor allem dazu dienen, über lange Zyklen hinweg zu laden und zu entladen (niedrige C-Rate), werden noch einmal deutlich billiger als heute.“ (17.09.2024) – Laut BloombergNEF fielen die Benchmark-Kosten für Vier-Stunden-Speicherprojekte (0,25C, also niedrige C-Rate) 2025 um 27 Prozent auf ein Rekordtief; Pack-Preise für stationäre Speicher sanken sogar um 45 Prozent auf $70/kWh.
„Ende 2025 sind Reformen eingeleitet, mit denen der Anteil von Steuern, Abgaben und Entgelten auf unter 50 % fällt.“ (31.12.2024) – Der Bundestag beschloss im November 2025 die dauerhafte Stromsteuersenkung für Unternehmen, dazu senkt ein €6,5-Milliarden-Zuschuss aus dem KTF die Netzentgelte seit Januar 2026 um rund 15,4 Prozent.
„Der Markt für Batteriegroßspeicher wird weiter in rasantem Tempo wachsen.“ (31.12.2024) – Der Großspeicher-Zubau verdoppelte sich 2025 laut BSW-Solar gegenüber dem Vorjahr, das erste Quartal 2026 brachte mit über 2 GWh einen Rekord.
„Nach Söders Ankündigung werden Freileitungen für neue Hochspannungstrassen wahrscheinlicher.“ (18.06.2024) – Das Bundeskabinett strich im April 2026 den Erdkabel-Vorrang für neue Gleichstromtrassen und machte Freileitungen zur Regel.
„Der iShares Clean Energy ETF steht heute am 29.12.2024 bei $11,53. Ende des Jahres 2025 wird er höher stehen.“ (31.12.2024) – Der ETF schloss das Jahr 2025 bei rund $16 – ein Plus von 47 Prozent im Jahresverlauf und damit deutlich über dem Ausgangskurs.
🍏 Was wir daraus lernen können
Einer guten Prognose geht eine gute Analyse voraus. Deswegen ist es kein Zufall, dass ich genau bei den drei Wetten danebenlag, die ich nicht gut analysiert hatte.
Katherina Reiche kannte ich kaum, bevor sie Energieministerin wurde. Ihre Zeit als Staatssekretärin, ihre Jahre als Lobbyistin, ihren Chefposten bei Westenergie – alles verpasst. (Drei Hinweise wären genug gewesen, nun ja.) Hätte ich das gewusst, hätte ich vermutlich nicht angenommen, dass sie das Heizungsgesetz von Robert Habeck mit einer kosmetischen Änderung durchwinkt.
Ähnlich bei der Geothermie. Strom aus Geothermie ist vor allem ein US-amerikanisches Thema: Dort bieten andere geologische Formationen deutlich mehr Raum, und es steht (noch) viel mehr Kapital bereit, um Grundlaststrom auszubauen. In Deutschland fehlt dieses Kapital – wahrscheinlich zu Recht. Das Potenzial liegt hier bei der Wärme und bei der Rohstoffgewinnung, etwa Lithium.
Genau das habe ich übersehen.
Ich war zu optimistisch, wo ich es nicht sein sollte. Das gilt auch für den dritten Fehler, den erwarteten Scheitelpunkt im Energiesystem.
Und die gewonnenen Wetten? Interessant, was alle Treffer teilen: eine Konstellation aus Anreizen, Kostenstrukturen, Fakten, Akteuren und Interessen, die sehr deutlich in eine Richtung weist.
Wahrscheinlich gewinnt die Technologie, die im Verhältnis zu ihrem Nutzen am kostengünstigsten ist. Das System folgt einer Rationalität, die sich durchsetzen kann. Hervorragende Nachricht in diesen Zeiten!
Nur der letzte Treffer zum Kurs des Cleantech-ETFs hatte mit Rationalität nichts zu tun. Ich schaute auf die Aktiencharts und sah: Die Kurse waren stark eingebrochen. Dass Donald Trump der nächste US-Präsident wird, war zu diesem Zeitpunkt klar. Unternehmen, Investoren, Hedgefonds – viele hatten auf weiter fallende Kurse von Cleantech-Firmen gesetzt. Die Stimmung war am Tiefpunkt. Der Weg des geringsten Widerstandes führte: hoch.
Aktuell treibt das Energie-Narrativ die Kurse. Aber die Stimmung beim Klimaschutz ist heute dort, wo die Cleantech-Kurse Ende 2024 waren: am Tiefpunkt. Deswegen – Achtung, neue Prognose fürs Thesenlog – steht dem Klimaschutz als Großthema noch in diesem Jahrzehnt ein Comeback bevor. Die breite Öffentlichkeit wird wieder darüber diskutieren, ein neuer Schwung globaler Gesetze wird Klimaschutz und Klimaanpassung regeln.
Steige tiefer ein
Nochmal verlinkt: das Thesenlog
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Die guten Links
⛽ Bosch hat €2,5 Milliarden und rund 3.000 Ingenieure in Wasserstoff-Technologien gebunden, davon fast zwei Drittel in Brennstoffzellen-Antrieben, zeigt Michael Barnard bei CleanTechnica. Das Problem war dabei nicht die Investitionssumme (Bosch macht €91 Milliarden Umsatz pro Jahr), sondern dass Wasserstoff so viel Aufmerksamkeit der Führung und Ingenieure band – während immer mehr Wertschöpfung zu Batterien und Software wanderte. Die Lektion: „Auch gute Unternehmen räumen einer vertrauten Option manchmal zu viel Gewicht ein – weil sie die Logik des alten Geschäftsmodells am Leben hält.“
☀️ 40.000 Solar-Jobs sind 2025 in Europa verschwunden, das ist der erste Belegschaftsrückgang seit fast einem Jahrzehnt. Nun gibt es zehntausende Dach-Anlagen in der EU, deren Installateur pleite ist, beschreibt das PV Magazine (€). So entsteht ein neuer Markt für die Überlebenden: die verwaisten Anlagen warten.
⚠️ Bei vielen Hoymiles-Wechselrichtern ist die Seriennummer zugleich der geheime Steuerschlüssel, und das Gerät funkt sie auf Anfrage an jeden, der in Reichweite parkt. Angreifer könnten so per USB-Stick aus dem Auto Balkonkraftwerke abschalten oder Schutzfunktionen manipulieren, warnt balkon.solar. Sichere Firmware kommt erst Mitte Oktober; bis dahin hilft nur ein eigenes Passwort fürs Funk-Interface.
Die wichtigsten News
Du brauchst auch unter der Woche Nachrichten? Dann schau in meine News-Übersicht.
⭐ Das solltest du gesehen haben
Deutschland plant Kürzung der Wärmepumpenförderung um €2,1 Milliarden bis 2030 (Tagesschau)
Volkswagen könnte bis zur Hälfte der aktuellen Modelle einstellen (CleanTechnica)
Gesetz zum Bau neuer Kraftwerke beschlossen (E&M) €
🏭 Unternehmen & Markt
TenneT nimmt €3,5 Milliarden durch größte grüne Unternehmensanleihe ein (ESG Today)
green flexibility übernimmt 750-MWBatteriespeicherportfolio (Windkraft-Journal)
Zementwerk ohne CO₂-Schornstein: In Mergelstetten startet der Härtetest (ingenieur)
Software kann 300 GW Kapazität im US-Stromnetz ohne Kraftwerksneubau erschließen (pv magazine)
🔬 Technologie & Erfindungen
CATL präsentiert 8C-Batterie speziell für E-Transporter (Electrive)
Neue Tripel-Perowskit-Solarzelle erreicht 27,3 % Effizienz bei 770 Stunden Lebensdauer (Interesting Engineering)
Wood Mackenzie: Verbot risikobehafteter PV-Wechselrichter trifft bis 2030 14 Prozent der EU-Nachfrage (pv magazine)
📈 Politik & Regulierung
Das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz ist laut EuGH keine Beihilfe (E&M) €
EU-Abgeordnete stimmen für Ausweitung von CBAM auf über 400 nachgelagerte Produkte (Carbon Pulse) €
Kurzgutachten: EEG-Förderlücke droht (pv magazine)
Was die Cleantech-Startups machen
🔥 Startup der Woche
QuantumDiamonds aus München holt €91 Millionen – €15 Millionen Series A vom World Fund und €76 Millionen aus dem EU Chips Act, als erstes Startup unter dem neuen Manufacturing Fund überhaupt. Die Firma baut Quantensensoren auf Diamant-Basis, mit denen sich Fehler in Chip-Produktionen sichtbar machen lassen, an denen klassische Verfahren scheitern; neun der zehn größten Halbleiter-Hersteller haben laut Unternehmen bereits Systeme angebunden. In München entsteht dafür eine €152-Millionen-Fabrik. World Fund versteht sich als Klimatech-Investor. World Fund Co-Gründer Tim Schuhmacher begründet das Investment auf LinkedIn damit, dass bessere Qualitätssicherung die Auschussrate senke und so Ressourcen schone. → 5 offene Stellen, 3 Praktika
Außerdem neu
🏢 Gebäudesanierung – Fuchs & Eule (Berlin) sammelt €10 Millionen vom GET Fund für seine KI-gestützte Sanierungsplanung im Bestand ein; die Gesamtfinanzierung liegt damit bei rund €27 Millionen, das Team wächst über 70 Personen hinaus. → 8 offene Stellen
🌬 Windkraft-Monitoring – Eologix-Ping aus Graz landet mit einem US-Windbetreiber den größten Auftrag der Firmengeschichte: sensorbasierte Rotorblatt-Überwachung für rund 300 zusätzliche Turbinen.
🧲 Rohstoffe & Magnete – alqem (München) sichert €8 Millionen Pre-Seed von USV und UVC Partners für seltenerdenfreie Permanent-Magnete – Material-KI statt Neodym, mit dem Ziel, europäische Antriebshersteller aus der China-Abhängigkeit zu lösen. → 3 offene Stellen
💧 PFAS-Filter – Porelio aus Potsdam schließt eine überzeichnete Pre-Seed-Runde über €2,4 Millionen unter Führung von Faber (PT) ab; zusätzlich rund €2,5 Millionen öffentliche Förderung. Der TU-Berlin-Spin-off entwickelt funktionalisierte Silica-Materialien (FOMS), die PFAS aus Industrieabwasser filtern und dabei Edelmetalle zurückgewinnen.
🌾 Kreislauf-Food – ValueGrain (Hamburg) nimmt bis zu €3,3 Millionen Seed – strategisch begleitet von Krombacher-Gesellschafter Bernhard Schadeberg. Aus dem jährlich anfallenden Biertreber (rund 100.000 Tonnen pro Jahr allein aus dem Krombacher Sudhaus) wird proteinreiche Zutat für Backwaren und Fleischalternativen.
Der letzte Link
Bei Tesla in Texas fahren die Robotaxis bald wirklich. Mindestens auf dem Firmenparkplatz.
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Zuletzt die altbekannte, aber für mich wichtige Frage:
👋 Bin hier und da im Freundeskreis bekannt dafür, die ein oder andere steile These zu verbreiten. Da ist ein Thesenlog für mich, was die Hantelbank für den Bodybuilder ist.

