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Hi Cleantechie!

Politische Entscheidungen schaue ich mir hier nur an, wenn sie wirklich wichtig sind: große Meilensteine. Ich will dich nicht mit dem Klein-Klein zwischen Ausschuss und Verbändeanhörung ablenken. Jetzt ist einer da.

Das Kabinett hat zwei Gesetzentwürfe beschlossen: das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz und das Netzpaket.

Ich zeige dir, was drinsteht – und vor allem, welche Folgen das haben wird.

Let’s go!

🍏 Neue Gesetze, viele Paragrafen, ein voller Kabinettsentwurf – wer soll da durchblicken?

Genau dafür ist dieser Newsletter da: Ich grabe mich ein, lese die Entwürfe und fasse sie so zusammen, dass du auf den Punkt das Wichtigste erfährst. In diesem Sinne ist Cleantech Ing eine Zeitmaschine: Ich schenke dir Zeit.

Wenn dir diese Arbeit etwas wert ist, schließe eine bezahlte Mitgliedschaft ab. Damit solche Stücke weiter möglich sind.

Solar verliert die Preisgarantie. Wind verliert die Sicherheit für 6000 bereits genehmigte Anlagen.

Das Ziel dieser Reformen ist klar. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat es 15 Monate lang verkündet: den Ausbau der Erneuerbaren so stark ausbremsen, dass der Netzausbau Schritt hält. Gleichzeitig will sie die Systemkosten senken.

Was das Kabinett am 29. Juli beschlossen hat

  • Status: Das Kabinett hat zwei Gesetzentwürfe beschlossen: das EEG 2027 für die Förderung und das Netzpaket für den Netzanschluss. Der Bundestag berät ab September; in Kraft treten sollen beide zum 01.01.2027. Bis zum Beschluss können sich Details ändern. Die generelle Stoßrichtung eines Gesetzes ändert der Bundestag aber nur sehr selten.

  • Hier findest du die Entwürfe als PDF: EEG-Kabinettsentwurf & Netzpaket-Kabinettsentwurf

  • Für neue Windanlagen an Land:

    • Ab 01.01.2027 dürfen sie höchstens 280 Watt je Quadratmeter Rotorfläche einspeisen. Die Grenze gilt bundesweit. Eine ausdrückliche Ausnahme für bereits genehmigte oder bezuschlagte Projekte enthält das Netzpaket nicht.

    • Neue Vergütungsregel: Windparks bekommen weiter Geld, wenn der Marktwert ihres Stroms zu niedrig ist. Ist der Marktwert höher als ihre zugesagte Förderung, müssen sie den Überschuss teilweise zurückzahlen.

    • Weniger Ausgleich im Norden, mehr im Süden: In der Küstenregion und in Mitte-Nord wird der Förderausgleich für ertragsschwächere Projekte gedeckelt. Im Süden bekommen schwache Standorte dagegen mehr Unterstützung.

    • Mehr Platz in den Ausschreibungen: Der Staat will mehr Windleistung ausschreiben: besonders viel in den Jahren 2027 bis 2029, danach etwas weniger.

    • Grenze für Pachten: Grundstückseigentümer sollen bei neuen Windparks nicht mehr beliebig hohe Pachten verlangen können. Für viele Projekte wird die Pacht ab 2028 gedeckelt.

  • Für neue Solaranlagen:

    • Die feste Einspeisevergütung läuft stufenweise aus. Übergangsweise gibt es maximal 5,2 ct/kWh für höchstens 36 Monate: 2027 für Anlagen unter 50 kW, 2028 unter 25 kW und 2029/2030 unter 7 kW. Ab 2031 entfällt die Zahlung für Neuanlagen. Danach bleiben Direktvermarktung, mehr Eigenverbrauch oder Nulleinspeisung.

    • Anlagen unter 100 kW dürfen höchstens 50 Prozent ihrer Leistung direkt einspeisen.

    • Wer seine Anlage bis zum 31.12.2026 in Betrieb nimmt, behält die bisherige Vergütung für 20 Jahre.

  • Für neue Windanlagen an Land und vor allem Solarparks: Wo das Netz schon heute regelmäßig verstopft ist, können Netzbetreiber neue Anlagen künftig nur noch mit Risiko anschließen: Wird die Anlage später wegen Netzengpässen abgeregelt, muss der Betreiber den Ausfall unter Umständen selbst tragen. Der sogenannte Redispatch-Vorbehalt. Diese Regel greift, wenn an der betroffenen Leitung oder am Umspannwerk im Vorjahr mehr als 5 Prozent der möglichen Stromerzeugung wegen Netzengpässen verloren gingen.

  • Für alle Anschlusswilligen: Künftig soll „first ready, first serve“ gelten: Vorrang erhält das umsetzungsreife Projekt, nicht automatisch der früheste Antrag.

🍏 Was diese Änderungen bedeuten

1. Für Windkraft

Rund 8000 neue Windkraftanlagen sind aktuell in Deutschland genehmigt. 6000 verlieren mit diesen neuen Gesetzen erstmal ihre Kalkulation, weil sie laut Bundesverband Windenergie die neue Leistungsgrenze regelmäßig überschreiten. Es gibt im Gesetz keine Ausnahme für diese Projekte.

Mit anderen Worten: Drei Viertel der schon durchgeplanten Windprojekte müssen neu bewertet werden. Es ist nicht plausibel, dass alle auch unter den neuen Bedingungen gebaut werden. Gleichzeitig hängt Deutschland beim Ausbau der Windkraft an Land den eigenen Zielen hinterher. 10 GW müsste das Land Jahr für Jahr zubauen. Erreicht hat es das nie.

Damit ist Windkraft für mich die eigentliche Story der beiden neuen Gesetze. Denn Solar verliert Garantien für zukünftige Anlagen. Windkraft verliert sie für bereits durchgeplante und genehmigte Anlagen.

Die Bundesregierung rechtfertigt ihre neuen Regeln damit, dass sie zusätzlich 12 GW Windkraft an Land für die nächsten Jahre ausschreiben werde. Außerdem sollen die neuen Gesetze Windräder an windschwachen Standorten anreizen (PDF, S. 67).

Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wer soll die 12 GW finanzieren, wenn Windparks durch den Redispatch-Vorbehalt abgeregelt werden können, die Leistungsgrenze Skaleneffekte verwässert (Fixkosten bleiben ja gleich) und gleichzeitig Investitionsunsicherheit geschaffen wird durch rückwirkende Änderungen?

Jede dieser Regeln wäre vielleicht verkraftbar gewesen. Zusammen lesen sie sich wie ein Rezept, den gerade erst durchgestarteten Windausbau wieder abzuwürgen.

2. Für private Stromerzeuger

Wer es schafft, noch in diesem Jahr eine Anlage ans Netz zu kriegen, bekommt noch 20 Jahre Förderung. Deswegen dürfte es zum Jahresende einen Vorzieheffekt geben. Viele noch Zweifelnde werden sich doch zum Kauf entscheiden. 2027 dürfte für Solar-Installateure sehr mau werden.

Wer ab 2027 anschließt, muss anders rechnen und planen. Die 26 Jahre alten Gewissheiten gelten nicht mehr. Am besten wäre: den Eigenverbrauch so hoch wie möglich treiben. Das geht mit zusätzlichen Speichern. Manchmal sind aber größere Verbraucher wie Wärmepumpe und E-Auto die bessere Lösung. Es kommt auf das Setup an.

Die Bundesregierung bringt auch Direktvermarktung des selbst erzeugten Stroms ins Spiel. Das bedeutet: Ein Dienstleister verkauft deinen eingespeisten Überschuss an der Strombörse und zahlt dir den Erlös abzüglich seiner Gebühren aus. Nur hat dieses Modell für Privatleute mit kleinen Anlagen derzeit zwei große Haken: Ohne Smart-Meter keine Direktvermarktung (aktuell sind laut Bundesnetzagentur erst 5,5 Prozent aller Messstellen damit ausgestattet). Auch wenn der intelligente Messzähler da ist, müssen die Abrechnungen umgestellt werden. Auch das kann Monate dauern. Und die Anlage muss fernsteuerbar sein.

Die Wette der Bundesregierung und ihrer Übergangsfristen ist: Innerhalb der nächsten vier Jahre wird aus dem Exotengeschäft „Direktvermarktung von Mini-PVs“ ein Massenmarkt.

3. Für Unternehmen und Gewerbe

Wer eine Solaranlage verkauft, muss künftig häufiger auch Messung, Steuerung, Speicher und Vermarktung liefern – oder zumindest verlässlich mit Partnern bündeln.

Meine These: Das begünstigt integrierte Anbieter, Stadtwerke und Direktvermarkter. Kleinere Projektierer und Energiegenossenschaften müssen dagegen zusätzliche Vertrags-, Mess- und Finanzierungsrisiken stemmen. Der Genossenschaftsverband DGRV warnt bereits, dass die Vermarktungskosten gerade kleine und mittlere Projekte unwirtschaftlich machen könnten.

4. Für den Bundeshaushalt

Zunächst spart diese Reform wenig. Denn noch immer laufen viele alte Anlagen in den Förderungen. Neue Anlagen speisen weniger ein und bekommen schon heute deutlich weniger Geld dafür.

Der Bund spart kurzfristig kaum Geld. Er verschiebt vor allem das Risiko – vom Staat zu den Betreibern.

5. Für den Netzausbau

Die große Leerstelle dieser Reformen: Katherina Reiche bremst die Erneuerbaren aus, tut aber fast nichts für den dringend nötigen Ausbau der Verteilnetze. Angesichts der Speicherantragsflut und der wachsenden erneuerbaren Erzeugung hatte sie eine Wahl. Sie hätte auch das ganze System schneller umbauen können.

Was du mitnehmen kannst

  • Mit diesen Reformen endet eine 26 Jahre alte Ära. Die Einspeisevergütung fällt. Damit ergeben sich neue Geschäftsfelder bei Zähltechnik, Speichern und Vermarktung.

  • Tendenziell profitieren zentralisierte große Anbieter aller Couleur (Netzbetreiber, große Unternehmen), dezentrale, private oder kleinere Akteure verlieren.

  • Wichtig ist ein Datum: 31.12.2026. Wer bis dahin in Betrieb geht, hat noch 20 Jahre Planbarkeit. Wer später baut, bekommt je nach Jahr noch eine Übergangszahlung – und braucht spätestens danach ein Modell für Eigenverbrauch oder Vermarktung.

👉 Steige tiefer ein

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Die guten Links

🔋 Jahrzehntelang hieß Batterieanode: Graphit. Group14 ersetzt ihn durch ein Silizium-Kohlenstoff-Gemisch – und verspricht 40 bis 50 Prozent mehr Energiedichte sowie Ladezeiten von wenigen Minuten. Der entscheidende Punkt: Das Material passt in bestehende Zellfabriken. Hersteller mit 95 Prozent der weltweiten Produktionskapazität schauen es sich bereits an. Fünf Tonnen China-Graphit ließen sich so durch eine Tonne heimisches Material ersetzen. Volts zeigt im Podcast, wie das funktioniert.

💶 Wer Software an Fabriken verkauft, muss den Preis anders setzen als ein klassisches Startup. Denn das Geld steckt meist schon in festen Budgets – für Personal, Wartung oder Energie. Planet A Ventures empfiehlt bei Medium: Das Produkt sollte dem Kunden drei- bis fünfmal so viel bringen, wie es kostet. Etwa ein Fünftel dieses Nutzens kann der Anbieter als Preis ansetzen.

🌱 Was die Cleantech-Startups machen

🔥 Startup der Woche

🏭 Celsio aus München sichert sich €1,2 Millionen in einer Pre-Seed-Runde von Caesar Ventures, CDTM Venture Capital und mehreren Business Angels. Die Software des 2025 gegründeten Startups verzahnt elektrische Heizsysteme mit den bestehenden Gasanlagen einer Fabrik und fährt die Prozesswärme nach dem Strompreis – geheizt wird, wenn Wind und Sonne den Strom billig machen. So lässt sich wärmeintensive Produktion elektrifizieren, ohne die alte Infrastruktur wegzuwerfen. → 2 Offene Stellen

Außerdem neu

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  • ♻️ Supaso aus dem steirischen Hartberg holt sich eine Finanzierungsrunde für die Internationalisierung, angeführt von der Gerald Jeitler GmbH. Das Startup ersetzt Styropor in der Kühlkette durch Dämmverpackung aus Altpapier und beliefert bereits Hunderte Kunden in zwölf Ländern.

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Weißt du noch, wie wir vor läppischen fünf Jahren diskutierten, was man während der Wartezeit beim E-Autoladen alles machen kann? So wie es aussieht, wird die einzige Antwort bald nur noch sein: dreimal blinzeln.

Was sich hier geändert hat

Kurzer Blick unter die Haube. In den vergangenen Wochen habe ich einiges umgebaut:

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Das Energiewende-Mythen-Archiv. Für den Moment, in dem der Kollege sagt: „Lohnt sich doch nie.“ Jeder Einwand mit Antwort und Quelle, zum Nachschlagen vor der Diskussion. → Zur Seite

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Neues News-Widget. Ich habe die Teaser geschärft. Du siehst sofort, ob sich der Klick lohnt – zweimal täglich aktualisiert. → Zur News-Seite

Calls mit Lesern. Ich telefoniere neuerdings regelmäßig mit einigen von euch. Viele Ideen für Änderungen hole ich aus diesen Gesprächen. Und es macht einfach Spaß, euch kennenzulernen. Du willst auch? Antworte einfach auf diese Mail. 15 Minuten Call, immer freitags.

Danke. Auf der Upgrade-Seite stehen jetzt eure Stimmen. Danke an Christina, Christoph, David, Dominik, Frank, Friedrich, Helen, Jörg, Josef, Lasse, Martin, Miriam, Niklas, Oliver, Olivier, Raphael und Ulrich.

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Zuletzt die altbekannte, aber für mich wichtige Frage:

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👋 Ich musste beim Schreiben dieser Ausgabe an den Krebsgang denken: Zwei Schritte vor, einen zurück. So kommt man auch voran, aber eben langsaaaaam.

Rico Grimm

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