Hi Cleantechie!
Gestern früh las ich mein persönliches Morgenbriefing und stutzte: Was macht Sachsen da? „Genehmigungsstopp“ für Windkraft? Wirklich? Bei solchen Schlagzeilen schaue ich seit zwei Jahren genau hin. Denn Regierungen in aller Welt arbeiten daran, die Klimaschutz-Fortschritte der frühen 20er-Jahre zu zerstören – mal mit dem Vorschlaghammer wie Donald Trump, mal mit dem Skalpell.
Sachsen sah mir nach einem gezielten Skalpell-Schnitt aus.
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Dreißig Jahre lang hat Sachsen Windräder geordnet verhindert. Jetzt bekämpft es den Wildwuchs, den diese Ordnung hinterlassen hat.
Die CDU-SPD-Minderheitsregierung hat ihre Landesdirektion angewiesen, im Einzelfall jene Windkraftprojekte befristet zu untersagen, die mit den „Zielen der Regionalen Planungsverbände zur Windenergieplanung nicht vereinbar wären“. Betroffen sind auch Anträge, die schon laufen.
Die BILD-Zeitung hatte schon Ende September getitelt: „Sachsen stoppt als erstes Bundesland Windkraft-Ausbau“. Das stimmt so nicht.
Was Sachsen wirklich beschlossen hat
Um die Entscheidung zu verstehen, brauchen wir etwas Kontext:
Vier regionale Planungsverbände, getragen von Landkreisen und Städten, legen fest, auf welchen Flächen Windräder stehen dürfen; außerhalb davon ist Bauen nicht vorgesehen. So hält es der Freistaat seit 30 Jahren, „um einen Wildwuchs zu vermeiden“, schrieb die Staatskanzlei 2022 (PDF, S. 1). Dasselbe Wort fiel jetzt wieder, als die Koalition den Erlass vorbereitete.
In rund einem Drittel Sachsens gilt gerade kein Windplan. Im Oberen Elbtal, also Dresden, Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, fiel der Windteil des Plans 2023 wegen eines Verfahrensfehlers; seitdem wird dort gar nicht gesteuert. In der Region Chemnitz gilt das für den Südwesten, also Vogtland, Zwickau und das westliche Erzgebirge: Dort kippte das Oberverwaltungsgericht Bautzen 2012 den Plan.
Neue Pläne gibt es noch nicht. Alle vier Verbände haben 2026 Entwürfe ausgelegt, beschlossen ist keiner; allein zum Entwurf fürs Obere Elbtal kamen 6.000 bis 7.000 Einwendungen.
Der aus Sicht der Regierung entscheidende Punkt:
Bis die Pläne gelten, können Windräder in weiten Teilen Sachsens fast überall beantragt werden; es gelten nur Baurecht, Abstandsregel, Natur- und Schallschutz. Und selbst wo Pläne gelten, erlaubt eine Ausnahmeklausel des Landtags seit 2023 Windräder außerhalb der Windgebiete, wenn die Gemeinde zustimmt; im September 2025 hat der Landtag die Regel bis 2032 verlängert.
Die Regierung will mit ihrem Erlass nun genau diese Regelung aushebeln. Hintergrund ist laut Regierung das Bundesgesetz:
Der Bund verlangt, dass Sachsen bis Ende 2027 1,3% seiner Fläche für Windenergie ausweist. Verfehlt es die Frist, dürfen die Pläne ab 2028 keinem Windrad mehr entgegengehalten werden; Windräder wären dann fast überall im Außenbereich möglich. Die Regierung nennt das „Superprivilegierung“, Ministerin Regina Kraushaar: „Das gilt es unbedingt zu vermeiden.“ (Medieninformation)
Wo Sachsen aktuell steht
Sachsens Windradbestand ist...
Alt: 858 Windräder stehen in Sachsen, im Schnitt fast 21 Jahre alt, der älteste Anlagenpark aller Länder (PDF, S. 5).
Weit verteilt: Brandenburg hat je Quadratkilometer gut viermal so viel Windleistung; nur Bayern und Baden-Württemberg liegen bei der Dichte hinter Sachsen.
Ausbaufähig: Ende 2024 hatte Sachsen 8% der Windfläche angerechnet, die der Bund bis Ende 2027 verlangt, letzter Platz unter den Flächenländern; Hessen war da schon bei über 100% (PDF, S. 29, eigene Rechnung). Aber 2024 genehmigten die Behörden rund 390 Megawatt, zehnmal so viel wie 2020; zur Jahresmitte 2026 warteten 240 Windräder in 75 Verfahren auf eine Entscheidung.

🍏 Was ich denke
Sachsen bremst einen „Wildwuchs“, den es selbst gesät hat – durch jahrelanges Nicht-Planen.
Ende 2024 hatte kein anderes Flächenland so wenig Windfläche vorzuweisen wie Sachsen: Der Bund rechnete ihm nicht einmal zehn Prozent dessen an, was er bis 2027 verlangt. Dabei habe sich das Land, so die Staatskanzlei, „in den vergangenen 30 Jahren für einen geordneten Ausbau von Windenergieanlagen eingesetzt“.
„Geordnet“ heißt hier: Dienst nach Vorschrift, de facto ein Generalstreik. Anders lassen sich die absurd niedrigen Zahlen nicht erklären.
Nun will die Regierung schon wieder „ordnen“. Diesmal nehme ich ihr ab, dass sie zunächst nicht bremsen will, sondern Herrin der Lage bleiben. Denn sobald das Bundesgesetz Windräder praktisch überall erlaubt, potenziert sich der Widerstand, der sich heute schon regt.
Damit verfolgt sie dasselbe Ziel wie Wind-Deutschlandmeister Schleswig-Holstein und der ambitionierte Herausforderer NRW – nur mit schwächerem Mittel. Motto: bremsen, um schneller zu werden.
Schleswig-Holstein sperrte ab 2015 landesweit neue Windräder; die Genehmigungen brachen um 70% ein. 2023 führte das Land den Zubau bundesweit an. NRW sperrte 2025 Standorte außerhalb seiner Planentwürfe – und genehmigte zugleich so viel Windleistung wie nie.
Eine Sache passt nicht ins Bild: Die sächsische Regierung pocht darauf, die Flächenziele samt Strombedarf überprüfen zu lassen. Das dürfen wir so verstehen, wie es klingt: Sobald die Pläne stehen, will Sachsen die Ausbauziele zusammenstreichen.
Geordnet, versteht sich.
Was du mitnehmen kannst:
Sachsen sperrt Standorte außerhalb seiner künftigen Windpläne. Die Landesdirektion soll solche Projekte einzeln und befristet untersagen, auch laufende Anträge, bis Ende 2027.
Sachsen ist Schlusslicht bei der Windfläche. Ende 2024 waren 8% des Bundesziels für 2027 erreicht; in rund einem Drittel des Landes gilt seit Jahren kein Windplan mehr.
Das Land bremst jetzt, weil es in den Jahren zuvor die Planung verschleppt hat.
👉 Steige tiefer ein
Warum Windfirmen jetzt so wenig bieten (cleantech.ing) – Mein Text zur Wind-Ausschreibung im August: Warum trotz 4,79 Cent Zuschlag die Projektierer Schlange stehen
Wahlkampf im Osten: Wie die AfD gegen Windmühlen kämpft (Correctiv) – Annika Joeres und Elena Kolb zeigen, wie die AfD den Widerstand gegen Windräder im Osten organisiert
Planungsstand Windenergiegebiete (Fachagentur Wind und Solar) – Interaktive Karte aller 112 Planungsregionen
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🍏 Sachsen ist kein Einzelfall. Überall im Land gibt es kleine Skalpell-Schnitte: eine Festlegung hier, eine Frist dort, ein gestrichener Bonus da. Einzeln unscheinbar, zusammen ein Muster. Ich sammle diese kleinen Erneuerbaren-Bremsen für eine große Übersicht. Wenn dir in deinem Bundesland, deiner Branche oder deinem Projekt ein solcher Fall begegnet ist: Antworte einfach auf diese Mail – gern auch aus deinem eigenen Unternehmen, auf Wunsch vertraulich. Je bürokratischer und versteckter, desto besser.
Die guten Links
🔌 Ein Hacker hatte Ende August Zugriff auf die Cloud des chinesischen Wechselrichter-Herstellers Sungrow, einem der großen Anbieter für kleine und mittlere Solaranlagen. Er hätte alle Geräte abschalten können. Allein in Deutschland hängen 250.000 Anlagen daran. Das Stromnetz ist darauf ausgelegt, den plötzlichen Ausfall von 3 Gigawatt abzufangen, etwa drei großen Kraftwerken; die betroffenen Anlagen in Deutschland speisen knapp 8 Gigawatt ein, fasst Golem zusammen. Die Lücke soll inzwischen per Hotfix geschlossen sein, die Bundesnetzagentur diskutiert ein Verbot vernetzter chinesischer Wechselrichter.
🚌 Die Hamburger Hochbahn, mit über 1.100 Bussen einer der größten Verkehrsbetriebe des Landes, hat ihre fünf Wasserstoffbusse nach knapp einem Jahr Betrieb immer noch nicht abgenommen, weil sie die Qualitätsanforderungen nicht erfüllen. Vorstandssprecher Jens-Günter Lang zur dpa: „Wir erkennen, das ist nicht unser Weg.“ Grüner Wasserstoff sei „unfassbar teuer“, bis 2031 sollen 60% der Flotte Batteriebusse sein, berichtet Busplaner.
🧾 Wer CO₂-Zertifikate kauft, verlässt sich auf das Siegel der Prüfer. Die Brüsseler NGO Carbon Market Watch hat 88 Audits zu 15 großen Klimaschutzprojekten, zehn davon im Waldschutz, im Register des Standardsetzers Verra durchgesehen: Die Prüfer notierten über 450 Mängel der höchsten Schwere und winkten trotzdem alle 15 Projekte durch; einer bescheinigte ein Brandrisiko von null, obwohl er beim Besuch selbst ein Feuer gesehen hatte. Der Bericht ist frei verfügbar, REDD-Monitor fasst ihn zusammen.
🔋 Warum ist eine Batteriezelle aus Europa 15 bis 50% teurer als eine aus China oder den USA? Nicht wegen Strom und Löhnen: Material macht laut EU-Kommission rund 55% der Produktionskosten aus, Energie 15%, Arbeit 13%. Der größte Hebel liegt also in der Fabrik selbst: Junge Zellwerke produzieren viel Ausschuss, und bis eine Fabrik nahe an ihre Nennkapazität kommt, dauert es laut IEA meist mehr als fünf Jahre, schreibt der Batterie-Newsletter Battery Vault. Die einzige Lösung: Den harten Weg gehen und Erfahrung sammeln.
🌱 Was die Cleantech-Startups machen
🔥 Startup der Woche
🏠 1Komma5° aus Hamburg sammelt in einer Finanzierungsrunde €70 Millionen bei bestehenden und neuen Geldgebern ein, neu dabei ist der japanische Cleantech-Fonds Marunouchi Innovation Partners; die Bewertung liegt laut Unternehmen bei $1,35 Milliarden. Der Anbieter von Solaranlagen, Heimspeichern und Wärmepumpen steckt den Großteil in Heartbeat AI, eine Software, die diese Geräte samt Wallbox im Haus bündelt und ihre Leistung am Strommarkt vermarktet. Sie steuert laut Unternehmen bereits mehr als 1 Gigawatt und soll die wegfallende Einspeisevergütung ersetzen, bis 2030 sind 20 Gigawatt das Ziel; die Aufträge in Deutschland stiegen allein im September um fast 50%. Der Börsengang liegt weiter auf Eis, 2024 hatte die Firma ihr Umsatzziel um rund €200 Millionen verfehlt. → 137 offene Stellen
Außerdem neu
🧪 UniSieve aus Zürich schließt eine Series A über $9 Millionen ab, angeführt vom Orano Venture Fund. Die Firma baut Membranen, die Gasgemische wie ein extrem feines Sieb nach Molekülgröße auseinandersortieren; in der Chemieindustrie sollen sie Trennverfahren ersetzen, die bisher mit viel Hitze arbeiten und entsprechend viel Energie verbrauchen; Kunden nennt sie nicht, ein Investor spricht von zahlenden Abnehmern.
🛰️ SensorX Solutions aus Sarnen in der Schweiz holt 1,5 Millionen Franken Seed-Kapital, zum Teil als Darlehensgarantie des Schweizer Technologiefonds. Die elf Mitarbeiter messen per Laser Methanlecks an Gasnetzen, zu Fuß, per Drohne oder fest installiert; Swissgas, Transitgas und Eon zählen laut Firma zu den Kunden, die EU-Methanverordnung treibt die Nachfrage. → 1 offene Stelle
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43 Strommärkte hat das Beratungsunternehmen Wood Mackenzie durchgerechnet: In jedem einzelnen ist ein Vier-Stunden-Batteriespeicher inzwischen günstiger als eine neue Gasturbine für die Spitzenlast. Der Grund: Turbinen sind knapp, die Brennstoffpreise schwanken, und die Batteriefertigung wächst (Wood Mackenzie)
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Zuletzt die altbekannte, aber für mich wichtige Frage:
👋 War am Wochenende in Bayern in einer Region, die ich seit sieben Jahren immer mal wieder besuche und ich sah: mehr Windräder. Geht eben nicht alles rückwärts!

