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Hi Cleantechie!

Zuerst ein Hinweis für alle im Raum Braunschweig: Morgen Nachmittag halte ich den Impulsvortrag beim 1. Runden Tisch zu Speichertechnologien. Kommt gerne vorbei!

Im Newsletter gehen wir diese Woche einem scheinbaren Paradox nach: Warum bieten Windparkprojektierer für neue Parks weniger, als sie kosten werden?

Diese Frage war ein guter Anlass, mich dem großen Windparkgeschäft in Deutschland mal etwas zu nähern.

An alle Windprofis: Sagt mir, wenn ich etwas übersehen habe. An alle Laien: Viel Spaß beim Lesen!

Let’s go!

🍏 Beim nächsten Gespräch über Windkraft-Kosten kannst du jetzt sagen: „Ein Windpark ist eigentlich ein Kredit mit Rotorblättern.“ Solche Sätze liefere ich dir Woche für Woche. Wenn du diese Arbeit schätzt:

Bei einer Auktion gewinnt, wer am wenigsten verlangt. Bei Windparks verlangen gerade alle erstaunlich wenig.

Am 17. September hat die Bundesnetzagentur die Ergebnisse der jüngsten Ausschreibung für Windräder an Land veröffentlicht. Die Gewinner haben im Schnitt 4,79 Cent pro Kilowattstunde geboten. Seit Februar 2025 ist dieser Wert in jeder Runde gefallen. Damals lag er noch bei 7,00 Cent.

Dabei hat das Beratungshaus Deutsche WindGuard modelliert, was Windstrom aus neuen Anlagen an einem guten Standort kostet, über 20 Jahre gerechnet: 6,1 Cent.

4,79 Cent Zuschlag, 6,1 Cent Kosten. Und trotzdem gingen 461 Gebote mit 5.250 Megawatt ein, gut doppelt so viel, wie zu vergeben war.

Was ist da los?

Was die 4,79 Cent bedeuten

  • Viermal im Jahr schreibt die Bundesnetzagentur neue Windkraft-Leistung aus, im August waren es 2.520 Megawatt. Mitbieten darf, wer für seinen Windpark schon Fläche und Genehmigung hat. Jeder Bieter nennt einen Wert in Cent pro Kilowattstunde: den Mindesterlös, den er sich für seinen Strom vom Staat absichern lassen will.

  • Warum absichern? Weil ein Windpark den Großteil seines Geldes am Anfang kostet und es erst über Jahrzehnte wieder einspielt. Gebaut wird überwiegend auf Kredit, zurückgezahlt aus dem Stromverkauf, und niemand weiß, was Strom in zehn oder fünfzehn Jahren an der Börse bringt. Die Absicherung gilt 20 Jahre ab Inbetriebnahme.

  • Bringt Windstrom am Markt im Jahresschnitt weniger als die gebotene Summe, füllt der Staat die Differenz auf (das ist die Marktprämie). Bringt der Strom am Markt mehr, zahlt der Staat nichts, und der Betreiber behält den höheren Erlös. Geboten wird also darum, wer mit der niedrigsten Absicherung auskommt.

  • Ein Beispiel. Ist Windstrom an der Börse im Jahresschnitt nur 3 Cent wert, legt der Staat 1,79 Cent drauf, und der Betreiber kommt auf seine 4,79 Cent. Ist er 8 Cent wert, zahlt der Staat nichts, und der Betreiber nimmt 8 Cent ein. Der Staat sichert also nur nach unten ab, nach oben ist alles offen.

  • Die Bundesnetzagentur sortiert die Gebote vom günstigsten zum teuersten und vergibt Zuschläge, bis die ausgeschriebene Menge erreicht ist. Die 237 erfolgreichen Gebote lagen dieses Mal zwischen 4,49 und 4,98 Cent; 4,79 ist ihr Durchschnitt.

  • Wer 4,79 Cent bietet, muss seinen Strom deshalb nicht für 4,79 Cent verkaufen. Verdienen kann der Betreiber am Markt: Liegen die Preise dort oft genug über seinen Kosten, geht die Rechnung auf, auch wenn sein Strom in der Herstellung mehr als 4,79 Cent kostet.

  • Eine Besonderheit: In Stunden, in denen der Börsenpreis negativ ist, zahlt der Staat gar nichts. Und gerechnet wird mit dem Durchschnittswert aller Windparks. Wer schlechter verkauft, hat Pech.

  • An schwächeren Standorten wird der Zuschlag hochgerechnet: Bei 70 Prozent Standortgüte werden aus 4,79 Cent rund 6,18 Cent. Dafür erzeugt die Anlage dort weniger Strom.

Das Ganze erklärt an einem echten Windpark

Wohin das Geld in einem Windpark wirklich fließt, zeigt der Bürgerwindpark Haltern Moddefeld im Münsterland (neun Vestas-Anlagen, 54 Megawatt, Gesamtinvestition €82 Millionen, davon €68 Millionen Kredit), der für seine Anleger einen Verkaufsprospekt veröffentlicht.

Wichtig für die Einordnung: Der Park bekam seinen Zuschlag schon 2023, zu 7,35 Cent, und rechnet wegen seines schwächeren Standorts mit 9,32 Cent.

Er zeigt, wie eine Windpark-Rechnung prinzipiell aufgebaut ist.

So plant der Betreiber das Jahr 2027:

Millionen Euro

Stromerlöse einschließlich Marktprämie

+11,95

Betrieb, Pacht, Vermarktung, Steuern

−3,74

Zins und Tilgung

−6,61

Bleibt vor Ausschüttung an die Anleger

1,63

Schau auf die dritte Zeile. Mehr als die Hälfte jedes eingenommenen Euros geht an die Bank, der laufende Betrieb kostet weniger als ein Drittel.

Ein Windpark ist vor allem ein abzuzahlender Kredit mit Rotorblättern.

Deshalb hängen an Baukosten und am Zins viel: Sie bestimmen den größten Posten der Rechnung für zwei Jahrzehnte.

Der Bürgerwindpark verkauft seinen Strom über einen Direktvermarkter an der Strombörse. Einen festen Abnahmevertrag nennt der Prospekt nur als Option für später.

Rechnet die Bank genauso?

Eine Bank, die vier Fünftel eines Windparks finanzieren soll, fragt:

  • Welche Einnahmen sind vertraglich gesichert, wie lange, und mit wem?

  • Welche beruhen auf einer Preisprognose?

  • Was passiert im schlechten Windjahr, bei niedrigen Preisen oder wenn der Netzanschluss später kommt?

In der Haltern-Planung stehen 2027 für jeden Euro Zins und Tilgung €1,25 zur Verfügung – der Betreiber plant also einen Puffer über dem vertraglichen Mindestwert von 1,0 ein.

Aber der Fall Papenburg zeigt: Banken finanzieren Windprojekte auch mit einem privaten Abnahmevertrag neben der staatlichen Absicherung. LBBW und Helaba geben dort einem 140-Megawatt-Windpark einen Kredit in dreistelliger Millionenhöhe, dessen Strom zum Großteil Mercedes-Benz über einen langfristigen Abnahmevertrag (PPA) abnimmt.

Was die anstehende Reform an dieser Rechnung ändern würde

Bisher gilt für unseren Park: Fällt der Markt, hilft der Staat. Steigt der Markt, behält der Park den Mehrerlös.

Die anstehende EEG-Novelle das ändern: Wer bei niedrigen Preisen Geld bekommt, soll bei hohen Preisen Geld zurückzahlen. Der Entwurf nennt das “Refinanzierungsbeitrag”. Gemessen wird an einem gesetzlichen Vergleichswert fürs ganze Jahr, nicht am tatsächlichen Gewinn des einzelnen Parks.

Wer noch in diesem Jahr bietet, muss diesen Refinanzierungsbeitrag gemäß des aktuellen Entwurfs nicht zahlen.

Das liefert ein mögliches Motiv für die aktuell niedrigen Gebote: sich noch einen Zuschlag im alten System sichern. Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie (BWE), spricht von „einer gewissen Torschlusspanik der Branche“.

🍏 Was ich denke

Am Windmarkt zeigt sich, worauf Deutschland seit 30 Jahren hinarbeitet: Firmen konkurrieren darum, mit weniger staatlicher Absicherung auszukommen. Genau das zeichnet eine erwachsene Industrie aus.

Deshalb planen Projektierer heute jeden neuen Windpark anders als vor 20 Jahren, als der Staat verhältnismäßig hoch absicherte. Der Schlüssel für die solide Planung: Strom verlässlich besser verkaufen.

Einen leichten Vorteil haben jene, die Windparks nicht nur für Dritte bauen, sondern auch betreiben: Sie beherrschen die ganze Wertschöpfungskette und können an jedem Schritt Kosten senken oder nach Fertigstellung die Margen erhöhen. Feste Abnahmeverträge und Co-Location mit Batteriespeichern und Solarparks verkomplizieren das Geschäft zunächst, stabilisieren es aber auf lange Sicht.

Darum werden viele Projektierer in den nächsten Wochen noch einmal in die Bücher schauen und rechnen. Auch die Dezember-Auktion dürfte so deutlich unter 5 Cent bleiben, damit die Projekte den etwaigen neuen EEG-Regeln noch entgehen.

Zum Mitnehmen:

  • Der Zuschlag ist kein Preis. 4,79 Cent sagen nur, ab wann der Staat einspringt. Verdient wird am Markt, und nach oben ist alles offen.

  • Ein Windpark ist ein Kredit mit Rotorblättern. Mehr als die Hälfte jedes eingenommenen Euros geht an die Bank. Deshalb zählt für sie, was vertraglich gesichert ist – nicht die Hoffnung auf gute Jahre.

  • Einen Vorteil haben jene, die Windparks als Teil eines kleinen Energiesystems betrachten, das ihnen gehört und das sie flexibel einsetzen können.

👉 Steige tiefer ein

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Die guten Links

🏭 Yara hat Anfang September an seiner Ammoniakfabrik im niederländischen Sluiskil eine CO2-Abscheidung eingeweiht: 800.000 Tonnen im Jahr sollen nach Norwegen gehen und dort unter dem Meeresboden gespeichert werden. Die Fabrik stößt aber gut 3 Millionen Tonnen aus, abgeschieden wird also nur etwa ein Viertel. Hanno Böck erklärt im Industry Decarbonization Newsletter, warum das kein Zufall ist: Leicht einzufangen ist nur das konzentrierte CO2 aus der chemischen Reaktion, 30 bis 40 Prozent stecken dagegen verdünnt im Abgas, und dort wird das Abscheiden teuer.

🔌 Wer Solarstrom vom Dach an die Mieter im selben Haus verkaufen will, muss den Verbrauch aller Wohnungen zusammenrechnen. Das geht per Software (virtueller Summenzähler) oder mit einem zusätzlichen Zählerschrank für €3.000 bis €7.000. In über 90 Prozent der Fälle gewinnt der teure Schrank, schreibt Leonard John vom Mieterstrom-Anbieter Dach für Dach im pv magazine: Die Software-Variante hängt oft monatelang in den Abläufen von Netzbetreibern und Lieferanten fest, und ein halbes Jahr Verzug kostet eine 30-Kilowatt-Anlage schon über €3.000 Einnahmen. Grrmpfh.

⛏️ Ein weiterer Fall von Wasserstoff-Börsen-PR scheint das zu sein: Energy News nimmt sich die kanadische Minifirma Element One vor: Börsenwert im einstelligen Millionenbereich, bis vor einem Jahr unter anderem Namen unterwegs, 8.000 bis 20.000 Dollar im Monat für bezahlte Investoren-PR. Die gefeierte Vereinbarung mit dem französischen Startup Mantle8 ist unverbindlich, die Suchgebiete sind nicht einmal festgelegt.

🚛 Chinesische Elektro-Lkw fahren in Europa günstiger als die der heimischen Hersteller: Über fünf Jahre spart ein deutscher Spediteur laut Transport & Environment rund €34.000, etwa 9 Prozent der Gesamtkosten. Die Analyse der Umweltorganisation rechnet hoch, was passiert, wenn die neuen Anbieter ihre Exportpläne umsetzen: Bis 2030 ginge ein Viertel bis knapp ein Drittel des europäischen E-Lkw-Markts an Hersteller aus China und den USA.

🌱 Was die Cleantech-Startups machen

🔥 Startup der Woche

Nomos aus Berlin sammelt €20 Millionen ein, angeführt von Index Ventures. Das Startup ist selbst zugelassener Stromversorger und erledigt für Hersteller und Installateure von Solaranlagen, Batteriespeichern und Wallboxen das Versorgergeschäft im Hintergrund: Es prognostiziert den Verbrauch, handelt den Strom, liest die Zähler ab, schreibt die Rechnungen und beantwortet Kundenanfragen – die Partner verkaufen den Stromtarif dann unter eigener Marke. Kundenzahlen nennt Nomos nicht. → 11 offene Stellen

Außerdem neu

  • 🗺️ retoflow aus Kassel bekommt einen siebenstelligen Betrag von der hessischen Beteiligungsgesellschaft BMH.. Die Fraunhofer-Ausgründung baut digitale Zwillinge von Strom-, Gas- und Wärmenetzen, mit denen Stadtwerke ihren Netzausbau durchrechnen. Es arbeitet nach eigenen Angaben seit mehreren Geschäftsjahren profitabel. → 3 offene Stellen

  • 🧀 Ferm Labs aus Zug schließt eine Seed-Runde über €3 Millionen ab, angeführt vom italienischen Investor CDP Venture Capital. Das 2025 gegründete Startup fermentiert Nebenprodukte aus der Landwirtschaft zu natürlichen Geschmacksgebern für die Lebensmittelindustrie und verkürzt die Fermentation laut Unternehmen von Wochen auf Stunden. → 4 offene Stellen

Die wichtigsten News

Du brauchst auch unter der Woche Nachrichten? Dann schau in meine News-Übersicht.

⭐ Das solltest du gesehen haben

  • 150 Gigawatt zusätzliche Photovoltaik passen laut Fraunhofer IEE an 1.313 ländliche Umspannwerke, wenn dort 60 Gigawatt Batteriespeicher die Mittagsspitzen abfangen (pv magazine)

  • „Besser als Fabrik-Schließungen“: Ineos startet vor Dänemarks Küste Europas ersten Großspeicher für Kohlendioxid (Handelsblatt) €

  • Daimler-Truck-Spitze warnt vor Lade-Kollaps und Milliardenstrafen (Edison)

🏭 Unternehmen & Markt

  • Speicheranbieter RCT Power meldet Insolvenz an (pv magazine)

  • SMA eröffnet €80 Millionen teure Gigawatt-Factory in Deutschland (pv magazine)

  • Offshore-Windpark He Dreiht offiziell in Betrieb (E&M) €

  • Salzgitter unterzeichnet Ökostrom-Deal mit Zelestra für die Produktion von grünem Stahl (ESG Today)

🔬 Technologie & Erfindungen

  • Premiere: Zementriese setzt erstmals auf thermische Batterien für sauberere Wärme (Canary Media)

  • Hithium stellt Natrium-Ionen-Zelle mit 20.000 Zyklen und 4-MWh-Speichersystem vor (Energy Storage News)

  • Autonom zur Filiale: Lidl schickt ersten Lkw ohne Fahrerhaus auf deutsche Straßen (Ingenieur)

📈 Politik & Regulierung

  • EuGH präzisiert Regelungen für Direktleitungen (E&M) €

  • 21 Gebote für CO₂-Differenzverträge eingegangen (E&M) €

  • EU-Parlament stimmt für Ausweitung des CO₂-Grenzausgleichs (CBAM) auf über 400 nachgelagerte Produkte (Carbon Pulse) €

Der letzte Link

In Oberösterreich hat ein Landwirt nachgemessen, wie tief Erdkabel liegen sollten.

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Zuletzt die altbekannte, aber für mich wichtige Frage:

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Rico Grimm

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