Hi Cleantechie!
Der Bundestag berĂ€t EEG-Novelle und Netzpaket. Wir schauen auf eine Lobbyschlacht, die mit zwei Studien gefĂŒhrt wird und sehr wichtig ist. Weil es um eine grundsĂ€tzliche Frage geht: Welches Stromnetz brauchen wir, um voll zu elektrifizieren?
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Das Wirtschaftsministerium will Engstellen im Netz fĂŒr neue Solarparks sperren. Der Solarverband will genau dort doppelt so viel anschlieĂen.
Der Bundestag berĂ€t jetzt das Netzpaket, ein Gesetz, das mit einem einzigen Wort entscheidet, wo in Deutschland noch Solar- und Windparks gebaut werden: âkapazitĂ€tslimitiertâ.
Zwei Studien schauen auf dieselbe Sorte Umspannwerk und kommen zu entgegengesetzten SchlĂŒssen.
Was gerade passiert
Der Kern des Netzpakets ist der Redispatch-Vorbehalt.
Beim Redispatch fahren die Netzbetreiber Anlagen gezielt hoch oder drosseln sie, um das Netz stabil zu halten. DafĂŒr bekommen die Anlagenbetreiber eine EntschĂ€digung.
Der Vorbehalt: KĂŒnftig darf ein Verteilnetzbetreiber ein Netzgebiet fĂŒr bis zu sechs Jahre als âkapazitĂ€tslimitiertâ ausweisen, wenn dort im Vorjahr mehr als 5 Prozent der Erzeugung abgeschaltet werden mussten.
Neue Solarparks und WindrĂ€der haben dort keinen Anspruch auf Anschluss mehr. Wer trotzdem bauen will, verzichtet per Vertrag auf EntschĂ€digung, falls abgeregelt werden muss â fĂŒr bis zu 20 Prozent seines Jahresstroms.
Eine förmliche PrĂŒfung durch die Bundesnetzagentur ist nicht vorgesehen. Der Bundesrat fordert, dass die Behörde Sperrungen nachtrĂ€glich kippen kann, und will, dass Netzbetreiber nur Gebiete sperren dĂŒrfen, deren Engpass in ihrem eigenen Netz liegt.
Das Netzpaket hatte am 24. September seine erste Lesung. CDU-Verhandler Lars Rohwer will spÀtestens am 16. Oktober fertig verhandelt haben. In der Koalition wackelt der Vorbehalt. Nina Scheer (SPD) lehnt ihn ab, Rohwer nennt ihn Verhandlungssache und zieht keine rote Linie. Als möglicher Ausweg gilt, den Vorbehalt zu streichen und stattdessen die Drosselung neuer Anlagen weiterzuentwickeln, zum Beispiel je nach Netzlage.
Studie 1: Wo das Netz wirklich eng ist

Rote Punkte: Umspannwerke mit mehr als 5 Prozent abgeschaltetem Solarstrom 2024. Quelle: E-Bridge fĂŒr das BMWE.
Die Studie stammt von der Beratungsfirma E-Bridge Consulting im Auftrag des Wirtschaftsministeriums, mit Daten von 21 Netzbetreibern. (PDF)
Die Firma ist in der Debatte nicht neutral. Sie hat 2023 gemeinsam mit der E.ON-Tochter Edis in einem Fachbeitrag fĂŒr den Vorbehalt argumentiert.
Die Analyse zeigt: An rund 5 Prozent von 3.000 Umspannwerken mussten im Jahr 2024 mehr als 5 Prozent des Solarstroms abgeschaltet werden, beim Windstrom waren es 6 Prozent der Umspannwerke. Die Solar-EngpĂ€sse liegen vor allem in Niederbayern und Mittelfranken. Umspannwerke sind die Ăbergabestellen zwischen dem regionalen Netz und der Hochspannung, dort laufen die Solar- und Windparks einer Gegend zusammen.
Knapp ein Zehntel des Solar- und Windzubaus 2025 steht in einem dieser engen Gebiete. Auf diesen kleinen Teil entfallen laut E-Bridge aber fast drei Viertel der Abschaltungen, die durch den Zubau 2025 neu dazukamen.
Warum abgeschaltet werden muss, sagt die Analyse nicht. Und: Sie zĂ€hlt auch Abschaltungen mit, die das ĂŒberregionale Ăbertragungsnetz ausgelöst hat, also nichts mit dem Umspannwerk zu tun haben. (ZfK zu BNetzA-Zahlen)
Studie 2: Was an solchen Stellen möglich wÀre
Hier hat das Fraunhofer IEE fĂŒr den Solarverband BSW gerechnet. Mitfinanziert haben zwei Firmen aus dem Projektbeirat, die verkaufen, was die Studie empfiehlt: der Solar- und Speicherprojektierer Schoenergie und der Direktvermarkter meistro. (PDF)
Die Idee heiĂt Ăberbauung. An ein Umspannwerk, dessen Transformator 100 Megawatt durchlĂ€sst, hĂ€ngen am Ende Anlagen mit zusammen 200 Megawatt, alte und neue. Daneben steht eine Batterie, die mittags den Ăberschuss aufnimmt und abends abgibt.
Was die Studie zeigt: FĂŒr 20 echte Transformatoren von Pfalzwerke Netz und Westnetz hat Fraunhofer das durchgerechnet. Ohne Batterie mĂŒssten die neuen Solaranlagen im Schnitt rund 5 Prozent ihres Stroms wegwerfen, mit Batterie rund 1 Prozent.
Hochgerechnet auf 1.313 lĂ€ndliche, von Erneuerbaren geprĂ€gte Umspannwerke wĂ€ren das 150 Gigawatt zusĂ€tzliche Solarleistung. Das ist aber âkeine Prognoseâ.
Die Studie schaut nur auf den Transformator. Ob die Leitung dahinter den Strom wegschaffen kann, hat sie nicht untersucht.
Was die beiden Studien verbindet, und was nicht
Das Gesetz sagt: Wo mehr als 5 Prozent abgeschaltet werden, wird gesperrt. Fraunhofer rechnet vor: Mit Batterie mĂŒssten neue Solarparks nur noch rund 1 Prozent abschalten.
Zwei Seiten einer Medaille sind die Studien trotzdem nicht. E-Bridge sagt, wo das Netz eng ist, aber nicht warum. Fraunhofer hat nur den Fall durchgerechnet, in dem der Transformator das Problem ist. Ob das an den roten Punkten aus der E-Bridge-Studie auch so ist, ist unklar.
Das Ministerium und der Solarverband streiten aber ĂŒber dieselbe Sorte Umspannwerk: auf dem Land, voller Solarparks. Der eine will sperren, der andere ĂŒberbauen.
Wo Speicher schon Umspannwerke unterstĂŒtzen
LEW Verteilnetz und Bayernwerk Netz betreiben seit Herbst 2025 je ein Umspannwerk mit Ăberbauung: in Balzhausen bei GĂŒnzburg bzw. Niederviehbach. Ich hatte das Modell im Mai hier vorgestellt.
Im Landkreis Cham lĂ€sst Bayernwerk Netz einen Speicher bauen, der eine NetzverstĂ€rkung ersetzt. Weil Netzbetreiber in Deutschland keine Speicher besitzen dĂŒrfen, wurde der Betrieb ausgeschrieben, den Zuschlag bekam MaxSolar. Der Speicher soll im Oktober ans Netz gehen.
đ Was ich denke
Wem glaube ich? Beim âWoâ E-Bridge. Ihre Analyse basiert auf Abschaltbefehlen der Netzbetreiber selbst. Das kann niemand schönrechnen.
Was ich nicht glaube, ist die Schlussfolgerung: Betrifft nur 5 Prozent, also harmlos. Denn die Abschaltdaten stammen aus dem Jahr 2024, das ist im Solarzeitalter de facto ein anderes Jahrzehnt. Schon 2025 wurde laut Bundesnetzagentur fast doppelt so viel Solarstrom abgeregelt wie 2024.
Die Gegner des Vorbehalts argumentieren völlig richtig, dass wir bei jeder Regelung in die Zukunft schauen mĂŒssen â weil wir bis zu einer Dekarbonisierung von ĂŒber 90 Prozent noch so viel zu tun haben.
Der Vorbehalt bestraft zudem die Falschen. Ein Netzbetreiber, der seinen Ausbau jahrelang verschleppt hat, darf sein Gebiet zusperren. Zahlen mĂŒssen aber jene, die dort bauen wollen.
Die Anreize stimmen also nicht. Und das gleich im doppelten Sinne.
Auch der Pilotversuch von Bayernwerk und MaxSolar dĂŒrfte eher Ausnahme als Regel bleiben: Netzbetreiber verdienen an diesem Modell nichts. Bauen sie eine Leitung oder einen Transformator, bekommen sie die Kosten erstattet â plus garantierte Verzinsung, Jahr fĂŒr Jahr, ĂŒber Jahrzehnte. Mieten sie dagegen eine Batterie, werden nur die Kosten erstattet, ohne Verzinsung.
Netzbetreiber werden fĂŒrs Kupferverlegen bezahlt, nicht fĂŒrs Speichern.
Eine Lösung hĂ€tte TOTEX sein können: Die Bundesnetzagentur gibt dem Netzbetreiber ein Budget fĂŒr seine Aufgaben. Er kann entscheiden, was er damit macht, egal, ob er baut oder mietet. Was er spart, darf er eine Zeit lang behalten. GroĂbritannien macht das seit 2013, bei den Stromverteilnetzen seit 2015, die Bundesnetzagentur fĂŒhrt es ab 2029 nach bisherigem Stand aber nicht ein. Netzausbau sei âin fast allen FĂ€llen die sinnvollste Lösungâ, schreibt sie in einem Papier von 2017, das bis heute auf ihrer Website steht.
Meine Wette: Der Redispatch-Vorbehalt kommt nicht so durch den Bundestag, wie er im Entwurf steht. Entweder er fliegt komplett raus, oder die Bundesnetzagentur darf Sperrungen kippen, wie der Bundesrat es fordert.
Was du mitnehmen kannst:
Um den Redispatch-Vorbehalt im Netzpaket gibt es Streit, zwei Studien liefern die Munition. Der Vorbehalt lĂ€sst Netzbetreiber enge Netzgebiete bis zu sechs Jahre fĂŒr neue Solar- und Windparks sperren. Wer dort trotzdem baut, verzichtet auf EntschĂ€digung. E-Bridge sagt fĂŒrs Ministerium: Das trifft nur 5 bis 6 Prozent der Umspannwerke. Fraunhofer sagt fĂŒr den Solarverband: Mit Batterien passt an solchen Umspannwerken doppelt so viel Solar ans Netz, wie der Transformator durchlĂ€sst.
Hinter beiden Studien stehen Interessen. E-Bridge hat den Vorbehalt 2023 mit der E.ON-Tochter Edis vorgeschlagen, zwei Mitfinanzierer der Fraunhofer-Studie verdienen an Speichern.
Netzbetreiber werden fĂŒrs Kupferverlegen bezahlt, nicht fĂŒrs Speichern. Deshalb dĂŒrfte der Bayernwerk-Speicher in Cham die Ausnahme bleiben.
đ Steige tiefer ein
Mindestens 326 GW angefragte Batteriespeicher (cleantech.ing) â Mein Text (8 min)
Was passiert beim Redispatch? (pv magazine Podcast) â Redispatch aus Sicht der Anlagenbetreiber. (67 min Audio)
Building a big, abundant, clean grid (Volts) â Die ausfĂŒhrlichste Gegenrede zur Speicher-These: Jane Flegal argumentiert, warum es trotzdem mehr Leitungen braucht, und wer sie bezahlen sollte. (2 Stunden Audio, Englisch)
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Die guten Links
đ CATL hat Zellen aus dem Speicher Zhangbei untersucht, dem ersten GroĂspeicher der Welt mit Lithium-Ionen-Technik: 14 Jahre Dauerbetrieb, 63 Megawattstunden groĂ, keine einzige Zelle ausgetauscht. Die Lithium-Eisenphosphat-Zellen halten laut Hersteller noch 85 Prozent ihrer KapazitĂ€t und taugen fĂŒr rund zehn weitere Jahre in kleineren Zweitspeichern, berichtet InsideEVs.
đïž Google kauft grĂŒnen Stahl aus Schweden, ohne je ein Kilogramm davon zu verbauen: Von Stegra (frĂŒher H2 Green Steel) erwirbt der Konzern nur die Umwelt-Zertifikate fĂŒr bis zu 91.000 Tonnen Stahl aus dem ersten Betriebsjahr des Werks in Boden, der physische Stahl geht an Kunden wie ZF und Scania. Book and Claim heiĂt das Modell: Das Klima-Attribut wird vom Material getrennt und separat gehandelt. Energy News erklĂ€rt, warum Google das so macht.
đ€ Fluence, der Speicher-Integrator von Siemens und AES, kassiert binnen sechs Wochen zum zweiten Mal seine Umsatzprognose: statt $3,4 Milliarden nur noch $2,4 Milliarden fĂŒr 2026, dazu rund $200 Millionen bereinigter EBITDA-Verlust. Der Grund liegt in Houston, wo ein Auftragsfertiger die SpeichergehĂ€use schweiĂt und die Systeme endmontiert: Die eigens entwickelte automatische SchweiĂanlage lieferte im August weniger als eine Einheit am Tag, geplant waren elf. Jetzt schweiĂen Menschen von Hand, langsamer und mit mehr QualitĂ€tskontrollen. Latitude Media zeichnet nach, wie der Hochlauf entglitt, inklusive Vertragsstrafen und einem entlassenen Produktchef.
đ± Was die Cleantech-Startups machen
đ„ Startup der Woche
â»ïž Metycle aus Köln sichert sich eine Kreditlinie ĂŒber âŹ131,7 Millionen von Rivonia Road Capital aus Kalifornien, also Fremdkapital statt Investorengeld. Die Kölner Handelsplattform kauft Schrott-Kupfer und -Aluminium, bereitet es auf und liefert es an Industriekunden; in den vergangenen zwölf Monaten hat sie SekundĂ€rmetall fĂŒr ĂŒber âŹ103 Millionen gehandelt, 150 Prozent mehr als im Jahr davor. Die gehandelte Ware besichert die Kreditlinie. Sie soll den Metalleinkauf und die LieferantengeschĂ€fte finanzieren. â 4 offene Stellen
AuĂerdem neu
đ Green Flexibility aus Kempten vereinbart mit dem Netzbetreiber EWE Netz flexible NetzanschlĂŒsse fĂŒr sechs GroĂspeicher in Niedersachsen, zusammen 120 Megawatt und 480 Megawattstunden. Die Speicher verpflichten sich zu einer netzneutralen Fahrweise und bekommen dafĂŒr den Anschluss; die meisten Standorte sind baureif. â Offene Stellen
đ§« BIOWEG aus QuakenbrĂŒck finanziert mit einer erweiterten Series A ĂŒber âŹ18 Millionen plus âŹ10,3 Millionen EU-Förderung eine Fabrik fĂŒr bakterielle Zellulose in Elsdorf, laut Firma die gröĂte Europas. Das fermentierte Material ersetzt Mikroplastik in Kosmetik und DĂŒngemittel-Beschichtungen; der Bau soll Ende des Jahres beginnen. â 6 offene Stellen
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