Hi Cleantechie!
Das Wasserstoff-Auto ist tot, die Wasserstoff-Heizung nur eine Kopfgeburt, und ein Wasserstoff-Projekt nach dem anderen geht in die Knie – unter der Last der Erwartungen und der Kostenrealität.
Aber der große Wasserstoff-Bärenmarkt scheint gerade einen Boden zu finden. Wie stabil dieser ist, zeige ich dir heute.
Let’s go!
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🍏 Daniel liest diesen Newsletter und ist Cleantech Pro. Ich wollte von ihm wissen, warum er zahlt.
Er sagte: „Sobald ich etwas regelmäßig lese, bezahle ich dafür. Als der dritte Newsletter von dir kam, habe ich mich gefragt, wo ist denn hier der Abo-Knopf?“
Nun, für alle, die mitlesen: Hier ist der Abo-Knopf. 😉 👇️
Vor einem Jahr verkaufte ThyssenKrupp Nucera kaum noch einen Elektrolyseur. Jetzt vervierfachten sich die Auftragseingänge in einem Quartal.
tl;dr: Die Wasserstoff-Branche teilt sich gerade in zwei Lager. Einige bauen. Die anderen gehen pleite oder ziehen ihre Investitionen zurück, selbst mit Brüsseler Fördermillionen in der Hand. Wer doch baut, hat einen festen Abnehmer, niedrige Stromkosten und einen bestehenden Wasserstoff-Verbrauch, den er ersetzen will.
Was gerade in der H2-Welt passiert
Das Gute
Moeve aus Spanien hat am 2. März 2026 die finale Investitionsentscheidung für sein Andalusian Green Hydrogen Valley getroffen. Phase eins: 300 Megawatt Elektrolyse, €1 Milliarde Gesamtvolumen. Nucera aus Dortmund liefert die Anlagen: fünfzehn Module zu je 20 Megawatt.
Air Liquide baut einen 200-Megawatt-Elektrolyseur in Rotterdam für €500 Millionen. Abnehmer: Ölfirma TotalEnergies.
In Emden hat Energiekonzern und Netzbetreiber EWE im November 2025 mit dem Bau eines Elektrolyseurs begonnen – 320 Megawatt Leistung, Inbetriebnahme Ende 2027.
In Schweden produziert Stegra (bis 2024: H2 Green Steel) ab 2027 grünen Stahl mit 690 Megawatt Elektrolyse – die Abnahmeverträge stehen mit BMW, Porsche und Volvo.
Elektrolyseurhersteller Sunfire glaubt, mit neuer Technik den Wasserstoff-Preis um 50% senken zu können.
Auch die börsennotierten Hersteller atmen auf: ITM Power verdoppelte 2025 sein Auftragsbuch auf £145 Millionen, Plug Power schrieb in Q4 2025 die erste positive Bruttomarge der Firmengeschichte, und der Nel-Auftragseingang sprang im gleichen Quartal um 364 Prozent.
Für den Anschluss ans H2-Kernnetz gibt es in Deutschland mehr Nachfrage als erwartet.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche übergab gerade einen Förderbescheid über €350 Millionen an Enertrag und Zaffra für Deutschlands größte Anlage für synthetisches Kerosin in Schwedt.
Das Schlechte
McPhy Energy, einst eine der großen französischen Elektrolyseur-Hoffnungen, musste im Juli 2025 in die Liquidation.
In der zweiten Auktion der EU-Hydrogen-Bank zogen sieben von achtzehn ausgewählten Projekten ihre Förderzusagen zurück, darunter beide deutschen Gewinner: KASKADE mit 367 Megawatt und der H2-Hub Lubmin mit 210 Megawatt. Die Förderung allein reichte nicht.
Statkraft, Norwegens Wasserkraftriese, stoppte im Mai 2025 den weiteren Wasserstoff-Ausbau ganz. Begründung: kein tragfähiges Geschäftsmodell. Ölfirma BP hatte schon im November 2024 achtzehn Wasserstoffprojekte gecancelt.
Nur 9 Prozent der angekündigten 520 Gigawatt Pipeline bis 2030 haben laut IEA eine Investitionsentscheidung.

Was die Projekte, die überleben, gemeinsam haben
Die Projekte, die gerade überleben, ähneln sich in drei Punkten:
Sie haben Abnehmer für ihren Wasserstoff, bevor sie final investieren. Banken haben gelernt. Sie finanzieren keinen Wasserstoff mehr ohne Vertrag im Hinterland.
Sie haben Zugang zu billigem Strom. Den liefern heute zuverlässig nur Spanien, Portugal und die nordischen Länder.
Der grüne Wasserstoff muss bestehenden grauen Wasserstoff, der aus Gas hergestellt wird, ersetzen. Das geschieht in Raffinerien, Ammoniak-Werken, Methanol-Anlagen – wo Wasserstoff schon länger gebraucht wird, als Energiewende ein geflügeltes Wort ist.
Beispiel Stegra aus Schweden. BMW, Porsche und Volvo zahlen für ihren grünen Stahl einen Aufpreis von $80 bis $150 pro Tonne. Im Listenpreis eines fertigen Autos sind das vielleicht €200 bis €400 mehr. Den merkt kaum ein Endkunde. Also kann der Hersteller den Vertrag ohne Risiko unterschreiben.
Wie dieser Mini-Aufschwung scheitern kann
Ohne Risiko – das ist das Schlüsselwort für alles, was gerade mit Wasserstoff zu tun hat.
Denn die Analysten von BloombergNEF sagten 2020 vorher, grüner Wasserstoff koste 2030 nur noch $2 pro Kilogramm. Die aktuelle Schätzung liegt bei $4 bis $11 – also drei- bis fünfmal so hoch wie versprochen. Wasserstoff bleibt zu teuer für die meisten Anwendungen, die noch 2020 inmitten des großen Hypes völlig plausibel erschienen.
Wir sehen bei der Wasserstoff-Produktion nicht die gleichen explosiven Lernkurven wie bei Solar- und Batterietechnik. Jedenfalls bisher nicht. Theoretisch wären sie schon möglich; das hatten erste Untersuchungen aus Oxford gezeigt.
Die Mechanik ist dabei klar. Denn wer lernen soll, muss auch scheitern dürfen. Um eine Ausschussquote in der Produktion zu senken, braucht es eine Produktion. Daran hapert es.
Weltweit stehen Elektrolyseur-Fabriken mit einer Jahreskapazität von 50 bis 79 Gigawatt; der Markt nimmt aber nur 4 bis 6 Gigawatt ab.
Abnahmeverträge für grünen Wasserstoff sind genauso rar wie grüner Wasserstoff selbst. Wenige große Konzerne kaufen gerade ein, und im Fall von TotalEnergies ist das Ziel nur eigene Prozesse zu dekarbonisieren (Scope 1/2). Dessen Produkte bleiben so klimaschädlich wie immer (Scope 3).
🍏 Was ich denke
Es wird Zeit, die eine Prämisse zu hinterfragen, die seit vier Jahren die Energieszene dominiert: dass das mit dem Wasserstoff nichts wird.
Sie stimmt in der Richtung, aber nicht in ihrer Absolutheit.
Ja, der Hochlauf stockt, ja das H2-Auto ist vorbei, und das hat gute Gründe, aber für manche Anwendungen gibt es keine Alternative. Die normative Kraft des Faktischen, diese schnöde Pragmatiker-Moral, würde schon dafür sorgen, dass der Wasserstoff-Hochlauf eines Tages klappt.
Jetzt kommen die Ergebnisse. Die Wasserstoff-Wirtschaft gewinnt Kontur. Das zeigen all die guten Nachrichten oben in der Liste.
Aber wer diesen Bärenmarkt überlebt und wer da Wasserstoff kauft, ist wichtig. Denn die Abnehmer sind ohne Ausnahme große Konzerne. Wasserstoff wird ein Großindustrie-Rohstoff – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Es droht ein Abnehmer-Oligopol.
Für die Mitte, ohne den Großkonzern im Rücken, ist der Markt zu schwierig. Der deutsche Mittelstand wird, Stand heute, mit Wasserstoff so wenig wie möglich zu tun haben wollen und auch können.
Ändern könnte das die Regierung, etwa indem sie Klimaschutzverträge nutzt. Denn sie garantieren einem Hersteller 15 Jahre lang die Differenz zwischen den Mehrkosten seiner klimafreundlichen Produktion und dem fossilen Marktpreis – aber nur, wenn er tatsächlich produziert und Emissionen einspart. Damit wird Subvention an Abnahme gekoppelt: kein Käufer, kein Geld, keine Industrieruine.
Von dieser Regierung ist kein großer Subventions-Push für Dekarbonisierung zu erwarten. Selbst, wenn der Wille da wäre, das Geld ist es nicht.
Was bleibt, ist ein Stoßgebet. Es ist €31 Millionen teuer. Bill Gates' Breakthrough Energy Ventures hat gerade diese Summe in das französische Startup Mantle8 investiert. Es will natürliche Wasserstoffvorkommen tief unter der Erde finden – Reservoire, die seit Millionen Jahren spontan Wasserstoff aus Eisen-Wasser-Reaktionen erzeugen. Ihr Geschäftsmodell projiziert Produktionskosten von €0,80 pro Kilogramm.
Die Zahl ist, wie bei Frühphasenstartups üblich, erstmal nur als langfristige Interessensbekundung zu verstehen, nicht als verlässlicher Anker. Aber selbst bei angenommenen dreifachen Kosten wäre fast alles, was ich bis hierhin geschrieben habe, obsolet: zuallererst natürlich das Geschäftsmodell von Elektrolyseur-Herstellern.
Aber das ist Zukunftsmusik. Heute ist wichtig: Der Wasserstoff-Markt ist wider Erwarten doch nicht tot. Immerhin.
👉 Steige tiefer ein
IEA Global Hydrogen Review 2025 – die Referenz.
Bundesrechnungshof: Bilanz der deutschen Wasserstoff-Strategie – harte institutionelle Kritik.
Wasserstoff-Kernnetz (FNB GAS) – Primärquelle zum Kernnetz.
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Die Firma FTAI Aviation least Flugzeuge und Flugzeugteile. Angesichts der aktuellen Kerosin-Kosten würde man nicht vermuten, dass ihr Aktienkurs um mehr als 40% in kurzer Zeit gestiegen ist. Aber das liegt nur daran, dass einem die Fantasie fehlt, was man mit einer Flugzeug-Turbine noch so alles anstellen kann.
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👋 Bin mir nicht sicher: der Name McPhy der einstigen frz. Wasserstoff-Hoffnung. War das eine Anspielung auf Schottland oder McDonalds?

